Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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NEW YORK, WOLKENKRATZERCHAOS

AUS DEM TAGEBUCH EINER AMERIKAREISE

VON

WALTER CURT BEHRENDT

II: Das Herz der Welt oder die Stadt des Teufels

New York, 23. April 1925.
Am Morgen des elften Tages passiert das Schiff
die Freiheitsstatue, und aus dem durchsichti-
gen Frühnebel, der über den Wassern des Hudson
liegt, löst sich allmählich, und mit jedem Augen-
blick deutlicher werdend, die bewegte Silhouette
von New York. Man beginnt die charakteristischen
Umrisse einzelner Hochhäuser zu erkennen und
nennt die Namen der aus oft gesehenen Bildern
wohlbekannten Gebäude: das Standard Oil Buil-
ding mit seinem verrenkten Oberkörper, das Banker
Trust Building mit der bekrönenden Pyramide, der
Singer-Turm und, nicht weit davon, der höchste
der New Yorker Wolkenkratzer, das Woolworth
Building.

Der Nebel zerteilt sich, die modellierende Kraft
der Sonne gibt den Bauten jetzt ihre volle Körper-
lichkeit, die Hochhäuser werden räumliche Gebilde
und in dem gleißenden Licht zieht sich die ge-
schlossene Masse zu einer ungeordneten Kompanie
von hohen und niedrigen, großen und kleinen
Einzelgebäuden auseinander. Weiße Rauchsäulen
über den Dächern, von der Sonne grell beleuchtet,
künden das Leben, das in diesen riesigen Stein-
kästen haust. Eine unabsehbare Reihe von Piers,
fast gleichartig in Maß und Form, zieht sich an
den Ufern der Manhattaninsel hin, eine lange ein-
heitliche Grundlinie bildend, über der sich der un-
geordnete, drohend zerklüftete Aufbau der Stadt
erhebt. An einem dieser Piers legt das Schiff

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