Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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denken. Die „Treppe" wird zu einem Stimmungs-
bild, ohne daß künstlich eine Stimmung gewollt
wäre. Der Reiz der gezeichneten Blätter liegt in
der Poesie der Richtigkeit.

Die Dresdener Ausstellung mutet — abgesehen
von einigen Arbeiten, wovon im nächsten Heft
gesprochen werden soll — wie ein Beweis dafür
an, daß es mit unsern gewerblichen Künsten
nicht zum besten bestellt ist, sie kann den Glauben
erwecken, als sei die Werkbundarbeit der letzten
drei Jahrzehnte vergeblich gewesen, sie bietet ein
Gemisch von schlechten Dekorationskünsten und
rohen Neuerungsversuchen. Inmitten dieser pro-
vinzmäßigen Schau, die sonst nur im Technischen
und Historischen und nur mit Bezug auf einige
Arbeiten von Bruno Paul und Bertsch interessiert,
wirken Tessenows Wohnräume wie ein kleines

Wunder. Und doch geht alle Welt fast daran
vorüber. Nur die Berufsgenossen geben neugierig
acht. Alle Welt ruft nach dem Vorbildlichen.
Hier ist es, und wird nicht erkannt. Unwill-
kürlich stellt man sich innerhalb der Pariser
Ausstellung dieses Jahres ein „Haus der Nation"
von Tessenow vor. Es würde, in aller Armut
und Bescheidenheit, die die Verhältnisse uns auf-
erlegen, die Kristallisation eines Ideals geworden
sein. Doch wäre es auch dann nicht gebaut wor-
den, wenn Deutschland sich beteiligt hätte. Un-
sere Besten werden inmitten der Nation nur eben
geduldet.

Um so nachdrücklicher soll hier auf sie hin-
gewiesen werden, soll Tessenows Arbeit besprochen
werden mit der Wertschätzung, Dankbarkeit und
Liebe, die sie verdient.

HEINRICH TESSENOW, KLEIDERSCHRANK IM SCHLAFZIMMER

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