Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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natürliche Kraft. Die Natur ist durch Kunst gesehen. Auch
da, wo eine starke Begabung mit großer Disziplin Ausdruck
in primitiven, knappen Formen gibt, fehlt wirkliche Einfalt,
und die Bilder sind trocken und starr, statt unbeholfen und
reich. Dann sind viele Bilder aus Höflichkeit oder altem
Zusammengehörigkeitsgefühl in den Ehrensaal gekommen,
die man in Gedanken weghängt und mit Bildern aus den
Nebensälen austauscht.

Der Sinn der Juryfreien liegt darin, daß wirklich einmal
alle Künstler, die Chance haben, gesehen werden. Und
darum soll man sich die Mühe nehmen, auch mit viel Ruhe
durch die Kitschsäle zu gehen.

Da ist nun wenig oder gar kein Geschmack, aber dafür
nicht soviel Hochmut und oft wirkliche Liebe und manche
Momente, die ganz geglückt sind. Ich sah ein tonig und
schön gemaltes Bildnis, kleine Landschaften, die wirklich
gesehen waren, einen Vorstadthof mit blassen Kindern —
eine Kollwitzstimmung, die Ergreifendes hatte.

Diese Maler sind jedenfalls programmlos im künstlerischen
Sinne. Es gibt keine Dinge für sie, „die man nicht malt."
Man findet oft große Gemälde, deren Vordergrund ein
Gemengsei ist und im Hintergrunde ragt eine romantisch
wahr empfundene Mondscheinlandschaft.

Es müßte eine Kommission geben, die auf das Lebendige
in der Masse des fürchterlichen Kitsches reagiert. Die
Ateliers dieser Aussteller müßten besucht werden, um fest-
zustellen, ob es sich um eine einmalige gute Leistung han-
delt, oder ob wirklich ein Talent da ist, das sich entwickeln
könnte. Vielleicht kann man auch dazu einen kleinen Aus-
stellungsraum zeitweise zur Verfügung stellen. Es wäre
eine Anerkennung und eine Probe für manches Talent,

womit man ihm mehr dienen würde, als mit einer Geld-
summe. Dann hätte die Juryfreie eine große Bedeutung
für die Aussteller. Jetzt ist die Beschickung für viele Künstler
mit hohen Kosten verknüpft, und sie sehen mit Trauer,
daß in der Masse des Ausgestellten das verschwindet, was
ihnen im Atelier noch so bedeutsam vorkam.

Wenn es nur einmal lohnen würde, wäre die Mühe
nicht umsonst. L. F.

LONDON

Die Deutsche Abteilung der in London stattfindenden
internationalen Ausstellung enthält folgende Bilder:

Menzel: Kreuzberglandschaft (Märkisches Museum) und
Ballsouper (Nationalgalerie); Leibi: Frauen in der Kirche
(Hamburger Kunsthalle) und Mädchenkopf (Kölner Museum);
Thoma: Frau mit Sonnenschirm 1869 (Karlsruhe), Sturm im
Tal 1876 und Campagna 1880; Oberländer: Eremit (Bremer
Kunsthalle); Habermann: Mädchen mit rotem Barett (Sezes-
sionsgalerie); Uhde: Mädchen an der Tür (Nationalgalerie);
Trübner: Junge mit Dogge (Düsseldorfer Galerie) und Kirche
in Seeon; Liebermann: Mutter und Kind (Biermann, Bremen),
Papageienallee, Noordwijk binnen; Slevogt: Anna Pawlowa
(Dresdner Galerie), Montezuma (Bremer Kunsthalle), Lachs-
Stilleben; Corinth: Dame mit Maske, Walchensee 1919,
Orchideen; Purrmann: Interieur; Hofer: Zwei Frauen bei
Mondaufgang; Großmann: Nieuport; Beckmann: Schiffbruch;
Heckel: Kanal in Berlin; Pechstein: Kalla-Stilleben; Leo
v. Koenig: Damenbildnis. Ferner sind Bronzen von Gaul,
Kolbe und de Fiori und eine Holzplastik von Barlach
ausgestellt.

UKTIONSNACHRICHTEN

T

VOM ENGLISCHEN

KUNSTMARKT
Im Juni kollidierte John Sargent
mit den englischen Porträtisten des
18. Jahrhunderts. Gainsborough
pflegte von seinen Auftraggebern 120 Guineas für ein Bildnis
zu nehmen, Sargent nahm wesentlich mehr und er hat, kauf-
männisch gesprochen, Recht behalten. Wenn seine „Damen
im Grünen" 132000 Mark brachten, so übertrifft dieser Preis
noch um 600 Guineas den Preis, der auf der Auktion Car-
narvon das Doppelbildnis des Lord Sydney und des Ober-
sten Acland von Reynolds bezahlt wurde. Im Punkte Sar-
gent sind die Angelsachsen schwach. In die National Gallery
ist vor einigen Monaten ein reichliches halbes Dutzend
seiner Werke eingezogen, als Stiftung des Kunsthändlers
Asher Wertheimer, lauter Mitglieder der Familie Wertheimer,
oder wie Artur Hollitscher in seinem Baedecker so schön
sagt: „die ganze miese Mischpoche, lebensgroß und in Öl
von Sargent." Jetzt hat Sir Joseph Duveen der National-
galerie auch noch das Bildnis der Mme. Gautreau, einer
bekannten Pariser Schönheit, geschenkt, das er vor der
Sargentauktion erwarb, und die Familie Monet dann noch

das Bildnis Claude Monet von Sargents Hand. Im Kaiser-
Friedrich-Museum zu Berlin würde ein Saal mit gewählten
Porträts von Kaulbach auch sehr merkwürdige Figur machen.
In jener Sammlung Carnarvon, ursprünglicher Besitz von
Alfred de Rothschildt, ließ der Sohn des Tutankamon-
forschers, einige Familienbilder versteigern. Außer jenem
Reynolds noch Gainsboroughs Anna Chesterfield, 340000 M.;
das Gegenstück, Graf Philipp Chesterfield mußte sich mit
130000 Mark begnügen. Die Gräfin Carnarvon mit Sohn,
von Reynolds 1771 gemalt, stieg bis auf 200000 Mark.

Unter den anderen Bildern der Sammlung war am
interessantesten Mabuses Ritter mit goldnem Vließ. 88000 M.
sind mehr als doppelt so viel, wie das schöne Männerbildnis
von Scorel bei Coray-Stoop kostete. Wenn ein Herrenbildnis
in Schwarz von Giovanni Bellini von Knoedler mit 70000 M.
bezahlt wurde, hat man einen Maßstab dafür, wieviel un-
gefähr das Madonnenbild von Bellini wert sein muß, das
der Principe Giovanelli in Venedig anstatt der Ausfuhrtaxe
für das an Duveen für eine halbe Million Mark verkaufte
Tizian(?)-Porträt, der Academia in Venedig überließ und das
vom italienischen Kunstministerium als ein hochherziges
Geschenk bezeichnet wurde. Bisher galt das allerdings sehr
schöne Madonnenbild mit zwei Heiligen, Halbfiguren in

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