Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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Am Bahnhof von Mysore empfing uns der
Vizekanzler, ein stattlicher Mann mit wallendem
weißen Bart, von heller Gesichtsfarbe, ganz der
Typ eines indischen Gelehrten, wie wir ihn von
Tagore her kennen. „I am the Vicechancellor",
so begrüßte er uns, als ob jeder sofort wissen
müßte, was das bedeute. Später erfuhren wir,
daß Dr. Seals in der Tat eine der angesehensten
Persönlichkeiten Südindiens sei, so etwas wie der
Unterrichtsminister von Mysore. Im Auto ging
es zum Gästehaus des Maharaja, das inmitten von
Gärten frei auf einem Hügel lag, mit entzücken-
der Aussicht auf die Stadt und ihre Umgebung.
Das ganze große Gebäude steht uns zur Ver-
fügung: eine Flucht riesiger, hoher, luftiger Zim-
mer, ein lautloser Dienertroß mit einem ehrwür-
digen Hofmeister an der Spitze, ein Büfett über-
laden mit französischen Weinen und Likören, und
eine Küche, die bewies, daß bei einem indischen
Fürsten sogar europäisch erheblich schmackhafter
gekocht wird, als in den größten anglo-indischen
Luxushotels.

Belur, d. 14. iz. 1925
Wir haben in Mysore drei recht angenehme
Tage verbracht. Der Maharaja war abwesend, da
gerade am Tage unserer Ankunft eine seiner Frauen,
die in einem fernen Schloß wohnte, gestorben
war. Am Abend philosophische Gespräche, wie
sie die gebildeten Inder so lieben, mit dem Vize-
kanzler, kunstgeschichtliche und noch mehr ästhe-
tische mit Herrn Narasimhachar, dem bescheiden
liebenswürdigen Director of Archaeological Resear-
ches von Mysore, einem Manne von bestem alten
Schlage. Am Tage Fahrten in die Umgebung,
Besuch der fürstlichen Elefantenställe und der
riesigen Marställe, in denen sich nur weiße Prerde
befinden, aber auch der nicht weniger imposanten
Garage mit vielen neuesten französischen und eng-
lischen Autos. Besichtigung der Kunstschule.
Überall in Indien gibt es nun solche Kunstschulen,
in denen versucht wird, die Tradition der ver-
schiedenen Landesteile, die unter dem Druck des
europäischen und amerikanischen Schundimportes
gänzlich zu erlöschen drohte, wiederzuerwecken,
meist mit schwachem Erfolg. Was herauskommt,
ist nur ein saft- und kraftloses Gewächs. Tra-
ditionen lassen sich nicht künstlich erwecken; sie
leben oder sie sind dahin. Immerhin war es

unterhaltsam und belehrend, die sehr jungen Bur-
schen bei handwerklichen Arbeiten aller Art zu
beobachten.

Am unvergeßlichsten wird mir der Besuch des
fürstlichen Tiergartens bleiben. Eben war ein
Tiger und ein Krokodil frisch gefangen einge-
bracht worden. Mysore ist das berühmte Tiger-
land Indiens. Aus einem dichtverhängten Käfig
tönte dumpfes Knurren. Man öffnete die Matten
ein wenig. Und nun stürzte sich der Tiger mit
ungeheurer Vehemenz unter furchtbarem Brüllen
gegen die Eisenstäbe. Es war wie ein elementares
Naturereignis. Der Käfig, ja der Boden zitterte
unter den Schlägen seiner Pranken. Heißer Atem
wehte uns wie Dampf entgegen. Die glühenden
Augen des Tieres, das eben noch Herr der
Dschungeln war, schössen Blitze. Was sind die
Tiger unserer zoologischen Gärten für jämmerliche
Katzen gegen diese Urgewalt! Im Augenblick
wurde mir klar, warum dem Chinesen der Tiger
zum Symbol der gefährlichen Mächte der Erde
geworden war. Ähnliche Assoziationen erweckte
der Anblick des noch völlig ungezähmten Kroko-
dils. Unsere Archäologen zerbrechen sich den
Kopf über die Herkunft des Drachens in der
chinesischen Kunst. Wie es sich gehört, wird er
von der Antike abgeleitet. Kann darüber über-
haupt ein Zweifel sein, daß das in Indien heimi-
sche Krokodil das entscheidende Element dieser
Bildung war! Wir sahen einen leibhaftigen Dra-
chen vor uns. Wie beweglich war das ungeheure
Tier, das wir nur träge kennen! Wild schlug es
mit seinem riesigen Schwanz um sich, eine Schnauze
öffnete sich, gähnend wie ein Abgrund, und
sprühte — nun, ich will nicht sagen Feuer —
doch in der Tat, es wirkte fast so.

Am dritten Tage um Sonnenaufgang — die
Sonne geht in den Tropen immer um sechs Uhr
herum auf — traten wir unsere auf etwa eine
Woche berechnete Fahrt durch das Hochland an.
Man hatte uns ein Auto zur Verfügung gestellt.
Unser erstes Ziel war Shravana Belgola, das be-
rühmte Jaina-Heiligtum, mit der riesigen Skulptur
eines Jaina-Heiligen, oft in der Literatur erwähnt,
aber selten besucht, etwa hundert Kilometer von
Mysore entfernt. Das Plateau von Dekhan ist eine
bis 1000 m ansteigende Hochfläche, steinig, un-
fruchtbar und spärlich bevölkert. Selten passiert
man Ortschaften; sie sind zudem kläglich anzu-

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