Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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HEINRICH TESSENOW, ZEICHNUNG

ANMERKUNGEN DER REDAKTION
ZU DEM AUFSATZ VON G.D.GRATAMA

iesem wertvollen Bericht des Direktors des
Frans Hals-Museums sei eine Notiz hinzu-
gefügt, damit der Leser erfahre, welchen
Standpunkt die Redaktion in dieser viel
umstrittenen Angelegenheit einnimmt. Die
Frage ist zu wichtig, als daß Bedenken der
Courtoisie eine solche Notiz unterdrücken dürften. Die
Herausgeber dieser Blätter hatten Gelegenheit, die wieder-
hergestellten Bilder und auch ein noch in Arbeit befind-
liches Bild in Haarlem zu sehen. Sie stellen fest, daß der
Eindruck der gereinigten Bilder zum stärksten gehört, was
die Kunst heute zu bieten hat und daß die Zustimmung spontan
gewesen ist; sie sind überzeugt, daß Frans Hals die Bilder
im wesentlichen so aus seiner Werkstatt entlassen hat,
wie sie jetzt aussehen, daß er mit einem trübenden oder
gilbenden Firnis auf keinen Fall gerechnet hat, und daß
das Genie des großen Malers mit jeder Firnisschicht, die
entfernt wurde, nur um so strahlender in Erscheinung
getreten ist. Die Befürchtung, es seien mit dem Firnis
Farbteile, Lasuren entfernt worden, können die Heraus-
geber nicht teilen. Frans Hals hat sicher prima gemalt,
er hat nicht lasiert; es werden die gereinigten Bilder auch
legitimiert durch alle andern Werke von Frans Hals, die
sich irgendwo befinden und nicht mit so dicken Firnis-
schichten bedeckt worden sind. Die Abbildungen geben
von dem Aussehen der Bilder vor und nach der Reinigung
nur ganz ungefähr eine Vorstellung.

Wäre nur dieses zu sagen, so könnte eine Erklärung der
Redaktion wegfallen. So sehr aber mit Herrn Gratama
in der Reinigung Ubereinstimmung herrscht, so groß sind
die Bedenken, wo es sich um die Ergänzung der schad-
haften Stellen handelt. Auf diesen Punkt geht der Verfasser
nicht näher ein. Tatsache ist, daß die Restauratoren die
alten Beschädigungen, die bei der Reinigung besonders
merkbar zutage traten, so täuschend übermalt haben, daß
der Betrachter die Stellen nicht findet. Es handelt sich
zum Teil um kleine Flecken, zum Teil um Stellen, so groß
wie eine Faust, sogar um Stellen, die doppelt oder drei-
mal so groß sind. Köpfe sind nicht ergänzt worden, wohl
aber hier und dort eine Degenkoppel oder das Stück eines
Federhuts. Ein solcher Eingriff bei Meisterwerken solchen
Ranges ist ein Sakrileg. Hier ist der Punkt, wo der Wider-
stand der Maler verständlich wird. Der Standpunk, schad-

hafte Stellen seien nicht zu dulden, ein in solcher Weise
ausgebessertes, man darf ruhig sagen: gefälschtes Bild, sei
einem Torso vorzuziehen, wird leider in Europa ziemlich
allgemein von den Konservatoren eingenommen; es spie-
gelt sich darin die Gesinnung einer ganzen Generation von
Kunstpflegern, und an der Spitze dieser Generation steht
die Autorität Wilhelms von Bode. Die Gesinnung, die mit
dem Meisterwerk so frei umgeht, um dem Betrachter die
Illusion der Vollständigkeit zu geben, wird aber nicht lange
mehr herrschen. Sie läßt sich auch nicht verteidigen. Vor
wenigen Jahrzehnten noch galt es für wünschenswert, jeden
antiken Torso durch einen berühmten Bildhauer ergänzen
zu lassen. Davon ist man ganz abgekommen, weil nur
gebildetes Pfuschwerk herauskam. Ebenso wird man von
Restaurierungsmethoden abkommen, die zur Palette und
zum Malpinsel die Zuflucht nimmt. Schade nur, daß die
Bilder von Frans Hals, die zum stolzesten Kunstbesitz der
Menschheit gehören, dieser Methode noch zum Opfer fallen.
Herr Gratama teilt in einem Schreiben mit, es sollten in
einer erläuternden Druckschrift den Betrachtern die Stellen
genau bezeichnet werden, die neu gemalt worden sind.
Trotzdem, ein neutraler Ton, das Zugeständnis: hier war
ein Loch, eine Beschädigung, wäre besser gewesen. Die
Vorstellung, auch in dem Bild der „Vorsteherinnen des
Altmännerhauses", das jetzt als letztes gereinigt werden
soll, könnten Stellen neu gemalt werden, ist unerträglich.
Dann wäre es schon besser, dieses Bild wenigstens bliebe
wie es ist.

Die Redaktion steht den Tatsachen also mit zwiespälti-
gen Gefühlen gegenüber. Der Reinigung und ihren Re-
sultaten wird freudig und dankbar zugestimmt, unser Wissen
um Frans Hals ist dadurch bereichert, unsern Augen ist da-
durch ein vorher unvorstellbares Fest bereitet worden. Die
Ergänzungen jedoch müssen abgelehnt werden. Darin äußert
sich ein schlechtes System, es ist ein unverzeihlicher Ein-
griff in das ungeschriebene, darum aber nicht minder hei-
lige Recht des Genies. Zwischen Zustimmung und Ab-
lehnung bleibt die Empfindung geteilt. Soweit eine Kunst-
zeitschrift zu wünschen, ja zu fordern berechtigt ist, sei der
dringende Rat ausgesprochen, die täuschenden Ergänzungen
wieder zu entfernen und die herrlichen Bilder Frans Hals'
im Glanz ihrer neuerstandenen Schönheit allein durch sich
selbst wirken zu lassen.

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