Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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SCHIDER, MUTTER UND KIND

AUSGESTELLT IN DER SCHWEIZER KUNSTAUSSTELLUNG, KARLSRUHE

des Fenslers ist wieder alles Gute zu sagen, das den
Arbeiten der Firma stets nachzusagen ist und das um
so schwerer wiegt, als diese Firma Konkurrenz kaum zu
fürchten hat, als die schönen Anstrengungen also ohne
äußeren Druck zustande . kommen. Der Entwurf Edzards
ist nicht erfreulich. Das starr Geometrische überwiegt in
einer Weise, daß das Interesse bald erlahmt. Die vielen
kleinen Figuren verschwinden und werden von dem Rot,
Gelb, Blau ziemlich schonungslos brutalisiert. Merk-
würdig, daß die Maler so unnaiv werden, wenn sie es mit
farbigem Glasmaterial zu tun haben. Entweder sie denken
an mittelalterliche Wirkungen oder an kubistische Flächen-
aufteilungen, oder, wie in diesem Fall, an beides zugleich.
Wie wäre es, wenn sie einmal nur an die Natur und an
die besondere Technik dächten? Der ,,Stil" kommt dann
schon von selbst.

Paul Kleinschmidt, der bei Fritz Gurlitt Bilder und
Aquarelle ausstellte und damit zum erstenmal in weiterem
Umfange als Siebenunddreißigjähriger vor die Öffentlichkeit
trat, ist im Katalog von Meier-Graefe in einer Weise eingeführt
worden, die zum Kopfschütteln zwingt. Die Beweisführung
empfiehlt nicht, was an Talent vorhanden ist, und sie ent-
schuldigt nicht, was Kleinschmidts Arbeiten fast ungenieß-
bar macht. Die meisten Bilder stellen Bordellszenen mit
gräßlichen Weibern dar, denen das Riesenmaß der Leiber
über Menschliches hinauswächst. Die Darstellungsmittel
lassen an Corinth denken, die Art, wie schonungslos Monu-
mentales gegeben werden soll, erinnert an Beckmann.
Kleinschmidt möchte das Ordinäre bis zum Furchtbaren und
Gewaltigen steigern, doch haftet er zu fest am Ordinären. Ihn
erfüllt Sensationslust, er denkt, lebt und empfindet alles
kraß. Dieser ehrgeizige Sensationstrieb steigert die Begabung
in gewisser Weise — die Führung der Form ist zuweilen

nicht ohne Gewalt, die Organisation der
Farbe ist nicht ohne Reiz —, doch vernichtet
er sie auch wieder, er verschlingt die eigenen
Geschöpfe. Als Ganzes wirkt Kleinschmidts
Kunst abscheulich. Hier ist wieder einmal
ein Barbarisches, das nicht aus ungebildeter
Kraft stammt, sondern aus nervöser Idiosyn-
krasie. Zudem kommt dieser Niederschlag
sozialer Verkrampftheit zu spät. Nachdem
die expressionistische Denkart ziemlich ab-
getan ist, erscheint Kleinschmidt wie ein
Nachzügler. Auch darin, daß dieses Talent
sich selbst vernichtet, bevor es noch recht
zu produzieren begonnen hat. Das Karikatur-
hafte der Gestaltung richtet sich gegen den
Künstler selbst. Diese Bilder sind wilde
Gesten eines latent Verzweifelnden; als solche
können sie in gewisser Weise ergreifen; mit
Kunst haben sie jedoch nur mittelbar zu tun.

K. Sch.

KARLSRUHE
In Erwiderung der Gastfreundschaft, wel-
che im verflossenen Jahr die Tboma-Aus-
stellung der badischen Landeskunsthalle in
Basel und in anderen Schweizer Städten genossen hatte,
fand im Juli und August eine große Schweizer Kunstaus-
stellung statt.

„Große Kunstausstellungen" werden im allgemeinen nur
mit Vorsicht und einigem Mißtrauen betreten; um so er-
freulicher ist es, festzustellen, daß man diesmal keinen Anlaß
dazu hatte: gleicherweise ein Verdienst der Aussteller wie
der durch Direktor Storck getroffenen Auswahl und An-
ordnung.

Die Ausstellung brachte eine Ubersicht des schweize-
rischen Schaffens im neunzehnten und zwanzigsten Jahr-
hundert und in der Gegenwart. War auch, wie meist, durch
Umstände, die sich nicht meistern ließen, da und dort eine
Lücke, so wurde das im historischen Teil doch wieder da-
durch wett gemacht, daß man den bedeutenden Persönlich-
keiten reichlichen Raum, zum Teil in Einzelkabinetten, an-
wies und so eine große Klarheit des Gesamtbildes gewann.

Manches war zu entdecken. So etwa die Ehrlichkeit
und Reinheit, mit der die Vedutenmaler zu Anfang des ver-
flossenen Jahrhunderts ihr „Handwerk" ausübten, wobei
besonders des trefflichen J. J. Biedermann gedacht werden
muß, dessen beide Rheinfallandschaften in ihrer phrasen-
losen Größe die klassische und unüberbietbare Formulierung
dieses Themas darstellen. Da fand man in Füssli, dem
genialen Stürmer und Dränger, das Echo einer großen
Epoche in eigenartiger Mischung aus Shakespeare, Ossian,
Rubens und Michelangelo, und der Oltener Disteli über-
raschte durch die phantasievolle Liniensprache seiner Gro-
tesken und Satiren. Weiter zu nennen wären die Genfer
W. A. und Rodolphe Töpffer, der „Tiermaler" Agasse, von
dem hauptsächlich ein feingestimmtes Bild biedermeierlicher
Sonntagserholung in die Augen fiel, ein Campagnahirt Leo-
pold Roberts und bedeutende Landschaftsstücke der Diday
und Calame. Auch Menn, der Lehrer Hodlers, war mit

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