Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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40000 Mark Kosten. Dennoch darf nicht von Verschwen-
dung geredet werden! Noch weniger darf man das Wort
anwenden auf die unzeitgemäße Säulenpracht der Ver-
bindungshalle, d. h. auf die absolute Herrschaft einer Fas-
sadengesinnung. Um nur das eben Aktuelle, nicht aber die
bereits zurückliegenden Bausünden zu berühren.

Was die Brücke betrifft, so tut der Ausschuß zu wenig,
wenn er von „bestimmter Erwartung" redet. Ohne diese
Brücke hat das Museum nämlich keinen Zugang. Sollte
jetzt in den zuweilen dicht eingerüsteten Riesensälen Feuer
ausbrechen, so kann die Feuerwehr nicht auf den Hof, kann
sie überhaupt nicht heran. Doch ist es mit der Brücke
allein auch nicht getan. Sie wird für Wagen nur passier-
bar, wenn die Straße Am Kupfergraben um wenigstens zwei
Meter erhöht wird. Und diese Erhöhung ist ein Tiefbau-
problem, das wieder mit sehr kostspieligen und weitgrei-
fenden anderen Veränderungen der Umgebung zusammen-
hängt.

Warum das alles nicht vorher bedacht worden ist? Nur
eine ausführliche Historie der Museumsbauten könnte es
erklären. Vielleicht schreibt der Herausgeber dieser Blätter
sie einmal. Nicht mehr unter dem Titel „Museumskrieg",
sondern als Komödie. Die wirksamen Komödienfiguren
sind alle vorhanden.

Die Redaktion will diese Gelegenheit übrigens nicht
vorübergehen lassen, ohne pflichtmäßig zu berichtigen. Wir
haben im VIII. Jahrgang auf Seite 366 und 369 Pläne der
Museumsneubauten veröffentlicht. Diese Pläne waren halb-
amtlich, denn sie erschienen gleichzeitig im Jahrbuch der
preußischen Kunstsammlungen und im Zentralblatt der Bau-
verwaltung, es sind die einzigsten, die bis heute der Öffent-
lichkeit vorgelegt worden sind. Es hat sich nun heraus-
gestellt, daß diese Pläne in einem wesentlichen Punkt (eben
in dem Punkt, der auch mit der Brücke über den Kupfer-
graben zusammenhängt) unrichtig waren. (Ebenso ist eine
Übersichtszeichnung, die die Bauleitung zwei Jahre später
der Baupolizei eingereicht hat, in demselben Punkte un-
richtig.) Die Berichtigung kommt so spät, weil wir uns
ohne jede Hilfe, ja gegen heftigen Widerstand, mühsam zur
Wahrheit haben durcharbeiten müssen und in der letzten
Zeit erst zur Klarheit darüber gekommen sind, warum das
auf den Plänen gegebene Versprechen, die
Stockwerkhöhen im Kaiser-Friedrich-Museum
und in den Neubauten gleich zu halten,
nicht eingelöst worden ist. Auch dieses ist
eine Episode von großem Reiz in der „Mu-
seumskomödie".

Für heute nur dieses. Einst wird das
Museum ja eröffnet werden. Der Deutsche,
der es noch erlebt, wird starr sein.

Der Wildunger Altar des Konrad von
Soest, eines der kostbarsten Denkmäler deut-
scher Malerei aus dem Beginn des fünfzehnten
Jahrhunderts, wird restauriert. Über die Art,
wie dabei verfahren wird, sind allerlei nicht
eben beruhigende Gerüchte im Umlauf. Eine
vorsichtige Reinigung mag wohl angebracht

gewesen sein. Aber bei solchen Reinigungsarbeiten pfle-
gen allerlei alte Schäden zutage zu treten, und es hat den
Anschein, als würde ihre Ergänzung recht munter betrieben.
Die historisch außerordentlich bedeutungsvolle Inschrift, mit
deren Deutung die Gelehrten sich wiederholt eingehend
beschäftigt haben, ist auf Grund angeblich genauer Unter-
suchung der vorhandenen Reste bereits vervollständigt wor-
den. Gegen diese Methode der Restaurierung muß ener-
gischer Einspruch erhoben werden. Restaurierung sollte
sich auf vorsichtige Erhaltung des Vorhandenen beschränken.
Mutwillige Eingriffe in den Bestand künstlerischer Denkmäler
der Vergangenheit sind ein Akt der Pietätlosigkeit, den sich
unsere Zeit nicht mehr zu schulden kommen lassen dürfte.

Die griechische Göttin. Wir bilden auf der ersten
Seite dieses Heftes die vom Alten Museum erworbene alt-
griechische Marmorstatue ab. Der Preis von einer Million
Goldmaik, woran der preußische Staat und die Stadt Berlin,
vor allem aber das Privatkapital von Kunstfreunden beteiligt
sind, ist als zu hoch vielfach kritisiert worden. Er ist nicht
zu hoch, wenn es sich wirklich um ein seltenes Stück handelt.
Über den kunstgeschichtlichen Wert sind sich die Fachleute
ziemlich einig; er kann kaum bezweifelt werden. Der künst-
lerische Wert erscheint uns nicht so groß. Unmittelbar
spricht das Werk nicht eben stark zur Empfindung; es mutet
etwas provinziell werkstattmäßig an. Der Bildhauer Schauß
bat behauptet, daß die Statue falsch wäre. Er hat die Be-
hauptung durch schlüssige Argumente jedoch nicht stützen
können. Nicht bestritten wird, daß der Kopf überarbeitet
ist. Er sieht so sehr „geputzt" aus, daß er einem weiter
gehenden Verdacht am meisten Nahrung geben könnte. Es
wird angenommen, daß es sich um die Darstellung einer
Göttin handelt. Das Material ist Marmor. Am Gewand,
aa den Sandalen, im Haar und in der Krone haben sich
viele Reste der Bemalung erhalten. Die Statue ist zwei
Meter hoch. Das Berliner Antikenmuseum schätzt, von
ihrer archäologischen Einstellung aus, die Erwerbung mit
Recht hoch ein, weil das neue Werk neben der thronenden
Göttin, die vor zehn Jahren erworben werden konnte, ein
Geschichtszeugnis ungewöhnlicher Art ist. Das Werk ist
jetzt öffentlich ausgestellt worden.

KONRAD VON SOEST, DER WILDUNGER ALTAR. MITTELTEIL

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