Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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J. A. HOUDON, LA FAYETTE IN DER UNIFORM DER NATIONALGARDE
1790. MARMOR

VERSAILLES, MUSEUM

gelöst. Canova und Chaudet stellen sich an die
Spitze der Bewegung." Andre Michel, mit Recht
als einer der besten Kenner der französischen Bild-
hauerkunst geschätzt, teilt diese Meinung und ver-
tritt sie mit noch größerer Schärfe. „Man muß
bekennen," sagt er, „daß nach der Revolution die
künstlerische Laufbahn, die Produktion Houdons
als abgeschlossen anzusehen ist. Seine Meisterwerke
sind ausnahmslos zwischen 1770 und 1790 ent-
standen. Wohl lebte Houdon bis 1828, aber sein
Leben als Schaffender endet mit dem Jahrhundert.
Die Jahre, die ihm nach der Revolution blieben,
zählen nicht mehr für seine Künstlerschaft."

Geht man aber vorurteilslos und näher auf das
Lebenswerk Houdons ein, so muß man seinen
Leistungen weit über die Revolution hinaus Wert
zuerkennen. Unter der Regierung Ludwigs XV.
im Jahre 1741 geboren, erreichte er das Alter von
87 Jahren, und wären ihm noch zwei Jahre mehr

vergönnt gewesen, so wäre er Zeuge der
Revolution von 1830 und der Thronbestei-
gung Louis Philipps gewesen. Von ihm
kann man wie von dem Maler Prudhon
sagen, er habe zwei Jahrhunderten an-
gehört. Da er zum letzten Male im Salon
von 1814 ausstellte und im Jahre i8i<5 den
letzten Auftrag erhielt, so müssen wir von
seiner Laufbahn als Künstler die letzten
zwölf bis fünfzehn Jahre seines Lebens ab-
ziehen. Immerhin bleibt noch ein gutes
Vieteljahrhundert — die ganze Ära der
Revolution und des Kaiserreichs — wäh-
rend derer er Werke geschaffen hat, die
den Meisterwerken der französischen Kunst
als ebenbürtig an die Seite gestellt werden
dürfen. Sicherlich wollen wir nicht so
weit gehen, zu behaupten, daß die von
Houdon in den Jahren von 1789 bis 1815
geschaffenen Werke in ihrer Gesamtheit
denen gleichen, die er in der Periode sei-
ner vollen Reife zwischen 17Ö9, dem Jahre
seiner ersten Ausstellung im Salon, und
zwischen 1789 geschaffen hatte. Wir wol-
len nicht durch einen übertriebenen Wider-
spruch eine These in Frage stellen, die kei-
ner Übertreibungen bedarf, um sich durch-
zusetzen. Wer wollte wohl bezweifeln,
daß die Diana der Eremitage, daß der
sitzende Voltaire der Comedie Francaise
seine Kunst auf strahlendster Höhe zeigen? Dabei
dürfen wir jedoch nicht vergessen, daß Houdon
beim Ausbruch der Revolution erst 48 Jahre alt,
also wahrhaftig nicht zu den Greisen zu rechnen
war. Ist es nun richtig, a priori anzunehmen, daß
das Leben eines solchen Mannes, der in seinen
besten Jahren und auf der Höhe seiner Produk-
tionskraft steht, in der zweiten Hälfte ohne Inhalt
und ohne Wert gewesen sei? Und ist es gerecht,
ohne die Akten des Prozesses zu studieren, ohne
das Urteil der Menge gewissenhaft nachzuprüfen,
den Spruch zu fällen, die letzten fünfundzwanzig
Jahre eines solchen Lebens und Schaffens seien
als nicht existierend, als nichts bedeutend anzusehen?
Unterziehen wir das nachrevolutionäre Schaffen
Houdons einer eingehenden und unparteiischen Prü-
fung, so glauben wir, zu sehr abweichenden Schluß-
folgerungen zu gelangen.

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