Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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Auch aus dem nahen Kurort Königstein kamen
Gäste, so des öfteren die Kronprinzessin Viktoria,
spätere Kaiserin Friedrich. Dies war der übliche
Tageslauf. In Cronberg hatte der Künstler stets
einen schönen Zweispänner zur Verfügung, den
eine Frankfurter Firma stellte. So wußte er sich
die Annehmlichkeiten des Equipagenbesitzers zu
sichern und alle Scherereien zu ersparen. Bald
darauf kamen Schreyers zu einem Gegenbesuch
zu uns nach München. Er war den größten Teil
des Tages mit meinem Vater zusammen in dessen
Atelier. Damals malte er auf einer alten Lein-
wand (87 : 119 cm) meines Vaters ein Bild, das
einen bewaffneten Orientalen darstellt, der einen
reich gezäumten Rappen durch einen Hohlweg
führt. Schon das Bildformat ist größer als bei
Schreyer üblich; auch das Pferd und der Mann
sind größer, als ich das Figürliche sonst je bei
ihm gesehen habe. Dennoch erscheint mir gerade
dieses Bild als ein vorzüglich charakteristischer
„Schreyer" und gewissermaßen wie ein Kom-
pendium seiner feinen Koloristik. Ich erkläre mir
dies damit, daß er damals wohl meinem Vater,
mit dem er bis zum Lebensende in freundschaft-
lichem, künstlerischem Verkehr stand, alle seine
Feinheiten ad oculos demonstrieren und ihm eine
bleibende Anregung und Erinnerung an diesen
Besuch im Atelier zurücklassen wollte.

Pfingsten 1889 traf ich Schreyers wieder und
diesmal in Paris. Ich kam von Brüssel, um die
Weltausstellung zu sehen. Die liebenswürdigen
Menschen hatten mir in der überfüllten Stadt ein
Zimmer in ihrer nächsten Nähe besorgt und ich
verbrachte die Zeit, die ich nicht in der Aus-
stellung oder bei Buffalo Bill war, der damals mit
seinen famosen Cowboys und Indianern zum
erstenmal auf dem Kontinent war und mich
brennend interessierte, in der anregenden Gesell-
schaft Schreyers.

Das kinderlose Ehepaar bewohnte damals wie
auch in den folgenden Jahren stets dasselbe, ge-
radezu fürstliche Appartement im ersten Stock des
an der Place Vendome gelegenen Hotel du Rhin,
das aus mehreren ineinander gehenden Salons be-
stand. Einer der großen Salons diente als Atelier.

Der Künstler hatte sich damals von der Be-
teiligung an den öffentlichen Ausstellungen völlig
zurückgezogen. Wie mein Vater glaubte, hatten
Angriffe, die der Kunstkritiker Albert Wolff im

Figaro gegen Schreyer gerichtet hatte, in denen
er ihm Verzeichnungen und mangelndes Natur-
studium vorwarf, zu diesem Entschluß beigetragen.
In jedem Frühjahr pflegte Schreyer nach Paris zu
längerem Aufenthalt zu kommen, um dort an be-
stimmte amerikanische Kunsthändler seine Bilder,
die in Amerika sehr gesucht waren, zu hohen
Preisen abzusetzen. Die überaus hohen Einnahmen
ermöglichten es dem in großer Zurückgezogenheit
lebenden Künstler die Existenz eines großen Herren
zu führen, dessen einzige Pflicht und Lust zugleich
die Malerei war. Ich habe nie einen Maler mit
solch sichtbarem Genuß und Behagen malen sehen.
Gerne trug er bei der Arbeit eine flache, breite,
dunkle sogenannte schottische Mütze mit einem
Pompon in der Mitte; wenn es warm war, legte
er gerne den Rock ab und malte in Hemdsärmeln.
Das Malen wurde dann und wann unterbrochen,
um auf einer Ottomane, von der aus man das
Bild in einiger Distanz in der Gesamtwirkung
übersah, dann und wann eine kurze Rast zu
halten. Am Vormittag wurde auch etwa ein Glas
Pilsner Bier getrunken und eine der guten Import-
zigarren, die nie fehlten, geraucht. „Das Rauchen
ist gerade, als ob es für uns Maler erfunne (er-
funden) wäre" pflegte er frankfurterisch zu sagen.
Die Leinwanden oder die begonnenen Bilder
wurden in leichten, zweckdienlich eingerichteten
Kisten in den verschiedenen Formaten, für welche
alle die Preise genau fixiert waren, von Cronberg
nach Paris mitgenommen. Die Pinsel durften nie
gewaschen werden. Dadurch verloren sie die Ge-
schmeidigkeit. Am Schluß der Arbeit wurden sie,
die Haare dick mit Ölfarbe umgeben, in einen
Topf mit Petroleum gelegt und bei Wiederauf-
nahme der Arbeit mit einem Lappen gereinigt,
wodurch sie in der besten Kondition fürs Malen
blieben. Das einzige Malmittel, das Schreyer in
jener Zeit stets verwendete, war Robertsons
Medium.

Als ich mich damals in Paris verabschiedete,
wurde ich eingeladen, im Sommer auf der Heim-
reise nach Deutschland einen Besuch in Cronberg
zu machen. So kam ich im Juni 1889 zum zweiten-
mal dorthin.

Am ersten Tag bei Tisch kam Schreyer voll
Dankbarkeit und Befriedigung auf den Entwick-
lungsgang seiner künstlerischen Existenz zu spre-
chen. Er schloß mit den Worten: „Wenn ich

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