Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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Wirklichkeitsabbild getrieben sind, Realität vor-
täuschend oder nur durch starke Wirkung die Augen
auf sich ziehend, vielmehr allein bestimmt, dem
Raum einen festlichen Glanz zu verleihen. Ein
zartes Krapprot, das in vielen Stufungen wieder-
kehrt, steht licht auf dem weißen Grunde und gibt
den Hauptton der Dekoration, deren Charakter
heitere Leichtigkeit ist.

In der Universität zu Jena fand Crodel Ge-
legenheit, sich nochmals in einer Wanddekoration
zu versuchen. Zu den Seiten der Tür, die in das
archäologische Seminar führt, malte er, in der Er-
innerung an einen Aufenthalt in Griechenland, in
fortlaufender Darstellung Szenen aus dem Leben
des Landes, die Vertreibung der Türken aus Athen
als Hauptmotiv. Die Zwanglosigkeit der Anord-
nung, die, ohne in billig dekorative Ordnung zu
verfallen, die Wand in eine geschmückte Fläche

auflöst und ihr zugleich sinnvolle Bedeutung gibt,
läßt auch diesen Versuch glücklich erscheinen, ob-
wohl nichts schwerer schien, als im Wettbewerb
mit dem hohen Wandsockel aus blauen Kacheln
einer farbig minder aufdringlichen Malerei Geltung
zu verschaffen.

Crodel schreibt eine eigene Handschrift. Sie ist
oft noch ungelenk, aber man freut sich, zu sehen,
wie sie doch von Jahr zu Jahr fester und reifer
wird. Man möchte ihm noch strengere Zucht der
Zeichnung, noch bewußtere Klarheit der farbigen
Ordnung wünschen, aber man möchte auch wün-
schen, daß ihm die natürliche Naivität, die Gabe
gestaltender Phantasie und die sichtbare Freude an
der eigenen Arbeit erhalten bliebe, die ihn heut
auszeichnen, und die ihn befähigen, Aufgaben
schmückenden Wandbildes zu lösen, die nur weni-
gen unter den heut Lebenden so gut anstehen.

CHARLES CRODEL, WANDMALEREI FÜR EIN LANDHAUS IN STEUDNITZ

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