Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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DAS BERLINER MUSEUMSCHAOS

VON

KARL S CHEFFLER

Berliner Museumsfragen sind, wie man weiß, in den
letzten Jahren zum Gegenstand heftiger Streitig-
keiten und einer rücksichtslosen Politik geworden.
„Kunst und Künstler" hat es bisher vermieden, aus-
führlich zu berichten. Was der Herausgeber glaubte
sagen zu müssen, das hat er in einem Buch mit-
geteilt (Berliner Museumskrieg, im Verlag Bruno
Cassirer, ipzi); daneben hat er die Tagespresse be-
nutzt. Die Zurückhaltung an dieser Stelle ist der
Erwägung entsprungen, daß eine monatlich er-
scheinende Zeitschrift polemisch kaum wirkungs-
voll teilnehmen kann. Daß die Reserve nun auf-
gegeben wird, dazu zwingt die Lage der Dinge.
Eine Orientierung, die alles beim rechten Namen
nennt, wird nötig, weil die Freunde unserer Mu-
seen allgemach daran verzweifeln, überhaupt noch
etwas zu verstehen, weil die öffentliche Polemik
in Gezänk ausartet und das Ganze nur noch von
wenigen gesehen werden kann.

Die Verwirrung begann schon, als auf Betrei-
ben Bodes das Kaiser-Friedrich-Museum gebaut

wurde, als die allzu hitzig betriebene Vergrößerung
aller Sammlungen es nötig machte, die Kunstwerke
der Zeiten und Länder zu trennen und Neubauten
zu errichten. Wilhelm von Bode hat sich in der
Folge oft gegen die Großmannssucht der Zeit, vor
allem gegen die der Architekten und Archäologen
gewandt. Mit Recht. Doch ist die historische Fest-
stellung nötig, daß der Wille zur quantitativen Uber-
treibung recht eigentlich auch zum Wesen seiner
ungemeinen, in ihrer Art bewunderungswürdigen
Begabung gehört. Er wollte das geräumige Kaiser-
Friedrich-Museum, weil er in wenigen Jahrzehnten
die Sammlungen mächtig vergrößert hatte, und
zwar nicht nur durch Meisterwerke — die sind
immer und überall selten —, sondern auch durch eine
Unmenge von Schulwerken, die mehr zum histo-
rischen als zum künstlerischen Interesse sprechen.
Bode ging so stürmisch vor, daß ihm auch das
allerdings arg verbaute Kaiser-Friedrich-Museum
bald zu eng wurde, daß er am Tage der Eröff-
nung schon wieder von einem neuen Museums-

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