Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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mimisch im Gesicht ausgedrückt, das sofort wie-
der in die für einen Maler typische beobachtende
Ruhe kommt, sobald er das Sprechen beendet.

In allen Dingen der Kunst und des Lebens war
er von großer Radikalität. — „Man muß immer
an alles denken, nicht bloß an sich und ans Malen,
sonst kommt man seinen Aufgaben nicht nahe ge-
nug. Für Sie ist es gut, daß Sie recht jung mit
Ihrem Talent vorankamen, denn man muß mög-
lichst mit seinen künstlerischen Mitteln fertig sein,
wenn man als Mensch voll erlebt. Sie ahnen nicht,
wie schwer es mit den Jahren in der Kunst wird
— und glauben nicht, was mir jedes Bild heute
immer noch für Arbeit macht. Dazu habe ich Gicht

in den Fingern."--„Vielleicht haben Sie zu

viel bei Wind und Wetter im Freien gearbeitet,"
lächelte ich. — »Nee, nee, das kommt von was
anderm," — lachte er verschmitzt.

Max Liebermann zeigte mir dann sein Haus;
seine Wohnung ist mit seinen Kunstschätzen ein
wahres Museum. So viel Manet auf einmal habe
ich noch nicht gesehen, das Schönste ist aber die
Sammlung seiner eigenen Werke, Zeichnungen,
Aquarelle, Bilder. Wunderbare Kinderporträts, wie
selten ein Künsder, hat er es verstanden, Kinder
zu erfassen, weil er eben selbst ein Kind hat. Ich
sagte ihm meine Beobachtungen darüber, daß ich
selbst Kinder habe und sie sehr gern male. Auf

Menzel zeigend, sagte er: „Das ist sehr schön, so
was liebe ich am meisten, mehr wie Krüger oder
Cezanne". Oder auf Daumier, „den halte ich für
den größten — der konnte, was er wollte. Van
Gogh, wissen Sie, dem ging ich aus dem Wege,
als ich in Holland und Frankreich war — der war
Fanatiker und das war nicht gut für seine Malerei."

Courbet, Renoir, Monet, Anders Zorns Bild-
nisse von Liebermann und seiner Frau, Wilhelm
Leibi, immer wieder Menzel, Manet, Daumier,
C. Guys, Rembrandtscbe Zeichnungen, Cezanne —
und eben die schönsten Liebermanns. Eine be-
rauschende Pracht malerischer Kultur. Zu jedem
Bilde Max Liebermanns kluge und interessante
Bemerkungen, die sein großes persönliches Ver-
hältnis zu seiner Sammlung ausdrücken. Er war
herzlich, kollegial und gar nicht ein alter Mann.

Die Stunden mit ihm waren für mich ein großes
Erlebnis. Ich übersah mein Leben und meine Ar-
beit durch seine Klarheit und ging mit Verehrung
für diesen Menschen und Künstler an meine Ar-
beit: ein großes Holzschnitt-Porträt von ihm für
mich und meine Freunde, die auch Freunde Lie-
bermannscher Kunst sind, zu schaffen als ein Denk-
mal meiner Verehrung und meines Dankes für seine
Kunst, an der ich als junger Bursche gelernt habe
und die heute eine Richtschnur für Können, Fleiß,
Disziplin und Gesinnung ist.

HANS THOMA, AM NECKAR

AUSGESTELLT IM KUNSTSALON VICTOR RHEINS, BERLIN

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