Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Page: 159
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1880/0086
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
159

Vom Christmarkt.

169

Poesie und Länderkunde stellen dem illustrirenden
Verleger verhältnißmäßig leichte Aufgaben ; es ist hent-
zutage nicht schwer, für die eine wie für die andere
die geeigneten Kräfte ansfindig zu niachen. Weit
größeres Kopfzerbrechen vernrsacht die populäre Kultnr-
geschichte, sobald es sich darum handelt, nicht blos Ab-
bildungen überlieferter Erzeugnisse vergangener Zeiten
zu geben, sondern auch Sitte nnd Brauch, Staats-
und Familienleben in komponirten Bildern dem Laien
klar und handgreislich zu machen. Für Unternehmungcn
dieser Art scheint die Spemann'sche Verlagshandlung
eine besondere Vorliebe zu besitzen. Kaum ivar das
unter dem Titel „Germania" herausgekommenc, reich
illnstrirte Werk von ihr zu Ende geführt, so trat schon
ein anderes, nicht minder umfängliches, seine Laufbahn
an: „Hellas nnd Rom, eine Culturgeschichte
des Alterthums von Jakob v. Falke." Bis jetzt
sind im Ganzen 15 Liefernngen erschienen. Fast Seite
um Seite drängen sich die Jllustrationen, und jeder
Lieferung ist außerdem ein auf gelben Ton gedrucktcs
Vollbild beigegeben, gewissermaßen der Sonntagsbraten
in dem wohlgeordneten Haushalt, dcr allen Bedürf-
nissen und jedem Geschmack gerecht zu werden versteht.
Feuerbach'S Medea, Prellcr's Nausikaa und ähnliche
mythologische Darstellungen moderner Meister habcn
zwar mit der hellenischen Culturgeschichte nur einen
lockeren Zusammenhang; wenn es aber in erster Linie
darauf abgesehen ist, das Auge empfänglich zu macheu
sür die Schvnheit der antiken Welt, so wird man an
den Beigaben dieser Art kaum Anstvß nehmen können.
Die heikelste Rolle unter den zu Mitarbeitern berufenen
Künstlern spielen die „Restauratoren",die dazu angestellt
sind, Tempel und Hallen, Fora nnd Stadien wicder
aufzurichten, zu drapiren nnd wohl oder übel mit
Griechen und Nvmern zu bevölkern. Der Erfolg bleibt
in den meisteu Fällen ein zweifelhafter, nie ganz be-
friedigcnder. An solcher Rekonstrnklion der Antike mit
lebendiger Staffage haben vorzugsweisc F. Thiersch
und L. H. Fischer ihr malerisches Talent versucht,
während Alma Tadema, Stückelberg und Andere
die sittenbildlichen Darstellungen Lbernommcn habeu.
Die überwiegend größte Anzahl der Tept-Jllustrationen
fällt natürlich auf wirklich noch vorhandene Erzeug-
uisse des autiken Kunstfleißes, die znm Theil iu treff-
licher Darstelluug tviedergegeben sind, znni Theil aber
an einer kleinlich malendcn Behandlung leiden, tvic sie
für die antike Plastik am wenigsten am Platze ist.

Der stofslichen Verwandtschast wegcn reihen wir
hier ein hübsches Buch mäßigen Umsangs ein, wclches
sich „Frauengestalten der griechischen Sage
und Dichtung Vvn Lina Schneider" (Verlag von
L. Fernau iu Leipzig) betitelt. Die Absicht der Ver-
fafserin geht dahin, in weiblichen Kreisen den Sinn

für die Phantasiewelt der Hellenen anzuregen, und da
es ihr nicht an Darstellungsgabe und schwungvoller
Sprache mangelt, wird das bescheidene Ziel kein un-
erreichbares sein. Etwas Scheckiges hat die Auswahl
der Jllustrationen, von denen nur einige sich anf antike
Vorbilder gründen, andere der modernen und modernsten
Plastik und Malerei entlehnt sind; die xplographische
Ausführnng läßt nichts zn tvünschen übrig.

Den Schluß in der Neihe dcr illustrirten Werke
machen wir mit zwei importirten oder, wenn man will,
internationalcnErscheinungen: M ilt on's Verlvrenes
Paradies, mit Jllustrationen vonG ustavDvrö,
(Leipzig, I. G. Bach) uud Victor Hugo's Sieb-
zehuhundertdreiundueunzig (Leipzig, Fr. Thiel).
FUr Dvrö kvnnte es kaum einen dankbareren Stvsf
geben als den phantastischen Gestaltenkreis des cng-
lischen Dichters, sür den die Gesetze der physischen
Welt ganz nnd gar außer Betracht kommen. So zaubert
der geniale Virtuose denn anch leichten Herzens die
wunderbarsten Feerien auf das Papier; in lauter Licht
getancht erfcheint der Garten Eden, halb tropischer
Urwald, halb civilisirte Parklandschaft; prachtvoll in
endloser Perspektive baut sich in dcn verschrobenstcn
Architektnrsormen der Palast des Satans auf, in
tvelchem der höllische Convcnt seine Sitzungen hält,
schanerliche Fclsgründe gähnen ans der blitzdnrchzuckteii
Nacht hervor, iu dcreu Halbdunkel die seit nenn Tage»
stürzenden Satanskinder in tvvhl arrangirtcn Gruppen
auftauchen. Jn den mcistcu Kvnipositivncn ist es auf
Furcht und Granen abgesehen. Jnimer aber kommt das
Furchtbare und Grausigemit weltmännischerEleganzznm
Vortrag, und dergroßescenischeApparat bringtHandlnng
und Handelnde in eiue allzu sekuudäre Stellung, als daß
das PathvS dem Beschaner anö Herz geheu könnte. —
Während diese Prachtausgabe der Miltvn'schen Dichtung
einen prächtigen Folianten von nutadelhafter typo-
graphischer Ausstattnng bildet, desscn Jnhalt wohl nur
ausuahmsweise das Jnteresse eines einsamen Lesers
herauSsordern dürfte, wendet sich der auf cinen beguemen
Oktavband beschränkte Schauerroman des bejahrten
Romantikers unmittelbar an das Lesebediirfniß der
Bienge und ladet mit gepfefferten Kapitelüberschristen
dic Neugier zum fetten Mahlc. Jn ähnlichcm Sinne
einladend erscheinen anch die meisten der eingestreuten
Jllustrativnen. Anf dcn ersten Seiten schvn bcginncn
die Kriegs- und Mord-Scencn, die Schlußdekvrativn
bildet eine öffentliche Hinrichtnng bci bengalischer Be-
lenchtnng, und der letzte Cul-de-Lampe ist einc in
finstere Nacht getauchtc Guillvtine. Eine ganze Reihc
von Künstlern, darunter anch dcutsche nnd englischc,
Iverden sttr den Bilderschmuck vcrantwortlich gemacht,
dvch ist es schwer und verlvhnt auch uicht der Mühc,
das Eigenthumsrecht jedes Eiuzelncu ausfindig zu
loading ...