Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Seite: 219
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219 Die Konkurrenzentwürfe zu einer Viktoriastatue für das Berliner Zeughaus. — Nekrologe. 220

Frage würde diese Victoria eine der gelungensten
Schöpfungen des Künstlers bilden, wenn es ihm bei
der Ausführung im Großen gelänge, mit dcm Maß-
stabe zugleich die Mächtigkeit des Ausdrucks zu steigern
und cinen Zng zierlicher, gefällig abgeschliffener Eleganz
zu tilgen, durch den die Skizze die volle Wirkung dcr
in den Grundlinicn kräftig und euergisch koucipirten
Figur in eigenthünilichcr Weise einigermaßen abschwächt.

Weit weniger werden die Entwürfe von Karl
Begas und von Rau der vorliegenden besonderen
Aufgabe gerecht. Die Figur des Erstcren, eine kühn
und leicht daherschwebende jugendliche Jdealgestalt, die.
in beiden Händen Kränze haltend, mit der nach links
hin zurückgebogenen Rechten eben zum Wurf ausholt,
weiß wohl durch ihre lebendige und schwungvolle Be-
wegung, die gleich den meisterlich behandelten, sich in
breiten Masien ausbauschenden und über dem linken
Schenkel sich theilenden Gewandmassen fast wic durch
die Nike des Paionios inspirirt erscheint, den Beschauer
nachhaltig zu fesieln, läßt indeß dabei, zumal in dem
unbekleideten linkcn Bein, einen feineren Adel der For-
men vermissen und entbehrt vor Allem in Auffassung
und Ausdruck eincr jeden specielleren Beziehung auf
den der Statue bestimmten Aufstellungsvrt. Das gleiche
Bedenken erweckt in noch höherem Grade die von
Rau komponirte, in schlichtem, lang herabfließendem
Gewande mit gekreuzten Beinen auf einer Kugel da-
sitzende Gestalt von beinahe matrvnalem Habitus, die,
in ernstes Sinnen versunken, mit der Zcechten Kranz
und Tafel gegen das Knie stemmend und die Linke rück-
wärts ausstützend, viel eher einer in's Germanische über-
setzten Parze als einer kampfessrendigen Siegesgöttin
gleicht, dafür jedoch in ihrer ganzen Anlagc nnd in
der herben Strenge und Großartigkeit des Ausdrucks
von Neuem das ungewöhnliche, dem Erhabenen und
Würdevollen zugewandte Talent ihres Autors in über-
zeugendster Weise bekundet.

Unter deu sonst uoch bemerkenswerthcn Entwürsen
mögen zunächst diejenigen von Wiese und N. Gciger
genannt sein. Die vou Ersterem herrührende sitzende
Figur, die in ihrer Bewegung eine auffallcnde Aehn-
lichkeit mit der Schaper's zeigt, zu dieser aber in
den zierlichen, direkt an das lebende Modell er-
innernden Körperformcn und in dem Arrangement
des sie mehr enthüllendcn als bekleidenden Gewandes
in entschiedenem Gegensatze steht, und noch mehr die
auf einer Kugel balancirende, im leicht nm die Hüste
geschürzten Gewande beinahe einer Ganklerin gleichende,
in den Häuden Kränze haltende, jugendlich üppige
Mädchengestalt von N. Geiger entbehren sreilich eines
jeden monumentalen Zuges, üben aber dafür durch
ihre pikante, für rein dekorative Zivecke inimerbin an-
nehmbare Bebantkung eincn unteugbaren künstlerischeu

Reiz aus. Jhncn reiht sich ferner, als in mancher
Hinsicht verwandt, im Ganzeu aber doch weit ernster
gedacht, die von Niesch, eincm bisher kaum noch ge-
nannten, auf der letzten Kunstausstellung durch dic
Figur eincr gesesseltcn Sklavin vcrtretenen jungen
Künstler eingesandte Arbeit an, die in ihrer von den
ausgebreitcten Schwingen eines mächtigen Adlers ge-
tragenen jugendlichen Victoria nicht blos cin frisches
und vriginellcs Talent, sondern auch ein sichcres
Kompositionsgeschick zu erkennen giebt. Zum Schluß
aber darf die ansehnliche, leider verspätet eingegangene
und deshalb von der Theilnahme an der Konkurrenz
ausgeschiedene Skizze von Eberlein nicht unerwähnt
bleiben, deren edle und schwungvolle Auffassung sast
darüber hinwegsehen läßt, daß die Figur den ge-
gebenen Raum der Rundbogcnnische kcineswegs in
völlig ungezwungener Weise ausfüllt. Jn der in
faltenreichem Gewande mit vorgestrecktem linken Fuß
einhcrschwebenden Figur, die, das Hanpt mit dcm
Adlerhelm bedeckt, in der Nechtcn den Kranz cmpor-
hält, während die Linke Palme und Kaiserkrone an
dic Brnst drückt, verbindet sich mit Wucht und FUIlc
der Erscheinnng eine so echtc nnd fcine Empsindung,
daß sic jedenfalls zu dcm Bcsten gehört, was diese Kon-
kurrenz hervorgerufcn hat, und den lebhaften Wnnsch
erweckt, ihr Autor möchte sie nicht nmsonst ersonnen
und modellirt haben. Fr.

Nekrologe.

Karl Stcinhäuser st. Am 23. Dccember v. I.
hielt der Künstlerverein zu Bremcn zum Andenken an
seinen Landsmann Karl Steinhänser, der zuglcich
Ehrenmitglied des Vercins gewesen war, eine cinfache,
überaus würdige Feicr. Sic begann mit dem Chvral
„Wie selig sind die Todtcn, die in dem Herrn sterben,"
worauf der Architckt Heinr. Müller als Präsident
dcs Vercins die Gedächtnißrede hiclt, aus dcr wir zur
Charaktcristik des Lebens und der Kunst des Ent-
schlafencn Folgendes mittheilcn:

Karl Steinhänser war der Sohn eincs unbe-
mittelten Holzschnitzers Georg Andreas St., der 1796
als 17jährigcr Jüngling scinc Vaterstadt Fürth vcr-
ließ, um sich auf der Wanderschast iu seinem Bcrufc
auszubilden. Er kam nach Paris und nach Kopen-
hagen nnd machte in letztercr Stadt die Bekanntschaft
cines Fachgenossen, des Bildschnitzers Gotskalk Thor-
waldsen, dessen Sohn Bertel damals aus Rom vvn
den Trinmphen berichtcte, die sein Jason in allcn
Künstlerkreisen gefeiert habc. Die dadurch nicht nnr
bei Bcrtel's Eltern, sondcrn in ganz Kopenhagen her-
vorgerufene Freudc machte auf unseren Bildschmtzer
Stcinhäuscr cincn unanslöschlichcn Eindrnck. Er kain
1810 nach Bremen, verheirathete sich und behiclt sein
Leben lang ein hohcs Jnteresie für die Pflege dcr
Knnst. Am 3. Äuli 1813 wurde ihm der Sohn
Karl geborcn, an dem der Vater schon nacb wenigen
Iahren cin solches Zeichentalent entdeckte, daß er es
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