Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunsthandel.

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nnger Kenntniß des wirklichen Sachverhalts leicht-
sinniger und übertriebener Weise in Scene gesetzt
worden seien.

Dieses Schriftstück ist von derselben Regierung er-
lchsen, deren frllhere Vertreter vor zwei Jahren die
llnternehmer der Restauration mit Orden und Aus-
zeichnungen beglückten! Jedenfalls eine Umkehr zum
Besseren. Am 24. Novbr. suchte der Maler H. Wallis
m eineni sehr ruhig und ernst gehaltenen Schreiben im
„Rinovamento" die Gemüther in Venedig zu bernhi-
gen, indcm er von Neucm vcrsicherte, daß er in keiner
Wcise die gegen ihn stets so ungemein liebenswürdigen
^enezianer habe beleidigen wollen und nur Liebe zur
Kunst ihn zu jenem Schritte veranlaßt habe. Die
Zeitung knüpfte als Kommentar an diesen Brief die
Aufzählung einer ganzen Reihe von verfehlten Restau-
rcckionen in England an, durch welche herrliche wichtige
Bauten völlig zu Grunde gerichtet worden seien:
^ufzeichmingen, dic aus einem Artikel der„Daily News"
bciivmmen sind, ivelche sich mit der Angelegenheit cben-
salls eingehend beschäftigten. Es folgt dann cine Uebcr-
Ilcht des Protokolls des in Oxford gehaltcncn Nice-
tuigs; die Leser werden mir indcß gerne erlassen, in
alle Einzelheiten dieser langcn Erörternngcn, in welcben
stch stets Gleiches wiederholcn ninß, näher einzugchen.
Huerwähnt jedoch kann nicht bleibcn, daß besonders
°uüge zum Druck gelangtcn Worte des berühmten und
uni die Kcnntniß nnd Würdigung von Venedigs Knnst-
schätzen hochverdienten Oxforder Profeffors Ruskin
böses Blnt in Vcnedig nnd ganz Jtalicn gemacht
t)aben. Er sagt dort: „Jn dieseni Augenblicke ver-
saniuielt man sick in Vcnedig, um dic totalc Zerstörung
östlichen Marknsfayade und deren Wiederaufbau
uach eigencm Entwurf zu eigenem Gewinn zn be-
Ichließen." Ein gewiffer Eugenio Morpurgo suchte
einein Artikel zu beweisen, wie ganz unerhört es von
Ruskin sei, die Vcnczianer für so verächtlich ;u halten,
^aß sie imr mn pes gemeinen Gewinnes willen die
sOiarkuskirche niederreißen nnd wieder aufbanen wollten.
^schrdings mag es gefährlich sein, solche Ansichten wic
Rejenigen Ruskin's auszusprechen nnd solche Beschuldi-
Iungen den Leuten in's Gesicht zu schleudern. Sie
icheinen jedoch nicht so ganz unbegründet zu sein. Zum
sind es jedoch uickt die Benezianer als solche,
svndern nur einige Wenige, welchc die Restauration
Kirche als ein Geschäst betrachten und, wie allge-
'Uviu gesagt wird, schon recht schön dabei verdient
^öen. „Saturday Review" antwortet Ruskin auf seine
soeschuldigungen in eincm heftigen Arlikel, warnt vor

sugleichen noch nie dagewesenen Einmischungen in

^ kiinstlerischen Angelegcnhciten anderer Nationen und
giebt

Restau

zu bedenken, wie eben doch die eingreifendste

ration nöthig sei, wenn den Hcrren Bewunderern

nicht eineS schönen Tages die ganze Herrlichkeit auf
dcn Kopf stürzen solle.

Am 30. Nov. vertheidigte sich die oben genannte
Kirchenverwaltung in einem offenen Schreiben in der
„Gazetta di Venezia" gegen die in dem Artikel des
„Diritto" und dem offiziösenRapport zwischen denZeilen
zu lesenden Beschuldigungen und erklärte jenen soge-
nannten Rapport als völlig untergeschoben und er-
funden, um den ganzen Haß des Publikums in und
außerhalb Jtaliens auf die Kirchenverwaltung als den
allein schuldigen Theil zu wälzen. Sie erklärt, daß
sie, seit die Regierung allcin die Kosten der Restan-
ration mit jährlich 50,000 Frcs. bestreite, völlig macht-
los geworden sei in Sachen der Restauration nnd,
völlig von der Regierung abhängend, weder Schlimmes
nvch Gutes wirken könne. Es seien unter ihren Mit-
gliedern gewiß manche, welche mit der Restauration
nnzufrieden seicn, nnd so oft es möglich gewesen, chabe
sie größercn Schaden zu verhüten gesucht aus Liebe
zu dem ihr anvertrauten Kleinode.

Es mag den Lesern ebenso wie mir schwer
werden zu ergründen, ob die Negierung auf Englands
Protest geantwortet hat oder nicht. Jedenfalls zeigt
diescr Auszug ans den Tagesblättern zur Genüge, wie
schief es um die ganze Restaurationsangelegenheit steht,
daß Niemand die Verantwortung schließlich tragen will
nnd daß trotz des besten Willens allcr Bessern hier
und trotz der unklugcn, ja unberechtigten Einmischungen
der Fremden die alte Markusfcu;ade fallen ivird, wenn
nicht cin Wnnder geschieht. Es ist möglich, daß man
jetzt mit aller denkbaren Rücksicht und im Gefühle
schwerer Verantwortung äußerst bchutsam von Neucin
Hand anlegen ivird. Doch steht beinahe eher zu be-
fürchtcn, daß nian jetzt erst recht auf das Niedcr-
reißen verbiffen wird, (erleben wir doch in Nllrnberg
Aehnliches; je hestiger gegcn das Abtragen der Nürn-
berger Mauern und Thürme prvtcstirt wird, desto
lustiger läßt man dort niederwerfen), um dann die
Welt durch das schöne Neue zu verblüffen.

A. Wolf.

(Schluh solgt.)

Aunsthandel.

U Pon dcn vom Berliner Kuiistgewcrbe-tvlusenin zu be-
ziehenden Lichtdrucken und Photographien ist soebeu
ein neues Verzeichniß erschienen, das ein ansehnliches Heft
bildet und ein für Sainmlungen und Unterrichtsanstalten,
sowie auch für weitere Krcise von Kunstfrcunden, Künstlern
und Kunstgewerbetreibenden von Jnteresse sein dürfte. Den
Grundstock der im Laufe der Zeit inehrfach vermehrten
Collection bilden die nach Gruppen geordneten Aufnahmeu
von gegen iMO der hervorragendsten kunstgeiverblichen und
plastischen Arbeiten der Zeiighaus-Ausstellung im Jahre
1872, die bekanntlich zum ersten Male eiu überraschend rei-
ches Bild des in Berlin und der nächsten Umgebung der
Hauptstadl vorhandenen Kuiistbesitzes vorführte. Daran
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