Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Aus dem Florentiner Kunstlebein

stark ausgesetzt und deßhalb im Laufe der Zeit arg
niitgenommen worden; gegenwärtig unterwirft man es
einem ncuen Experimcnt der Wiederhcrstellung, die sich
auch auf das Jnnere erstrecken soll. Jst einmal damit
begonnen worden, dann wird man sich erst ein vollständiges
Urtheil erlauben dürfen; was invessen dafür geplant und
was bis heute schon am Aeußern ausgesührt wordcn ist,
zeugt leider von wenig Verständniß; von einer auf ge-
wissenhaften Stilstndicu basirteu Restauration ist keine
Rede. Jch möchte nur wünschen, daß mit dem jetzt
eingetretencn Wechsel in der Bauleitung auch eine rei-
fere Ueberleguug Platz griffe, obgleich man täglich sieht,
daß gerade hier in Jtalicn, wo uns aus allen Zeiten
ves Besten so viel entgegentritt, am wenigsteu geschultes
Studium, Beherrschung der Form zu finden ist. Die
bis jetzt fertige Chorpartie am Dome mit ihren einer
ganz anderen Zeit angehörenden Sockel- und Gesims-
profilirungen, ven sitzengebliebenen Mauerlisenen rc. be-
weist bies wieder zur Genügc; der Bauleitung war es
aber leichtere Mühe und genügend, die Quaderverklei-
vung des Aeußern zu erneuern und im Uebrigen das
wieder herzustellen, was und wie sie es vorfand, ohne sich
zu fragen, ob vies ursprünglich so gcwesen oder ge-
plant war oder ob es nicht schon einer späteren Restau-
ration angehörte. Aus eine besvndere Anerkennung hat
viese Art vou Restaurirung wohl gerade keinen Anspruch;
was im Jnnern bevorsteht, will ich vorläufig licber
verschweigen, so lange es nicht wirklich ausgeführt ist.

Die diesjährige Künstausstellung, LLpo^iiriono
solsnns cksllu sosistü ck'inooi'i'irA^iciinsnto
äolls bslls urti, macht leider denselben dürftigen
Einvrnck wie dic vorjährige. Selbst die, so zu sagcn,
besseren Sacheu dürften auf einer nnserer beutschen
Ausstellungcn uur schwer die Linie passiren. Nntcr veu
260 Nummern des Katalogs, wovon ckwa 30 auf Skulp-
tur kommen, vie anderu der Malerei angehören, ist
eine ganze Reihe, welche schon im vergangenen Winter
die Wände ver Ausstellungsräumlichkeileu dcckte; daß
aber so einem Herrn Cammillo Pissarro, ver an den
armen Leinwanden N'r. 115 und 250 doch lediglich blos
seine leider nur grünen und violetien Pinsel gereinigt hat,
zum zweiten Male gestattet wird, sich in die Brust zu
werfeu und sagen zu Vürfen: iLnoli' io son pittors —
wirft kein gutes Licht auf vas Kouiits der Ausstellung.
Eine Auswahl scheint überhaupt nicht stattgefunven zu
haben; mit Obigcm steht eine ziemliche Zahl von vor-
geblichen Bilvern cben nur auf dcr Stufe jener Pinsel-
schwingungen, vie ans der Vogclwiesc in Dresden oder
bei sonstigen Volksbelustigungen, Dulten rc. aus Reclame-
Rücksichten erlanbt sein tönnen; solche Arbeiten aber in
ciner Ausstellung dem Publikum einer Stadt wie Flo-
renz anzubietcn, ist eine starke Prätension. Eine bunte
Cigarrentasche, eine glimmende Cigarre, einc Schachtel

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Wachszündhölzer, ein Zwei-Lireschein und 15 Centesinn
in Küpfer, vazu Blumen und Früchte in einer Vase —
das ist die Zusammenstellung eincs für 160 Lire käuf-
lichen, ebensalls zum zweiten Male auftretendcn Stilllebens
No. 210. Eine andere jetzt sehr beliebte Spccies von
Stillleben ist in mehreren Nummern auf den Markt
gebracht worden — Caccia, Vogelwildpret, auf einer
Holztafcl aufgehangen.

Manche nachträglich eingelieferte Sachen, wie dic
Bilder einiger mit ausstellenden Herren I'rolsssori wir-
ken erfreulich. Auf dem Gebictc dcs Genrc's treten die
zechenden Ritter und Mönche u. s. w. in möglichster
Menge auf, dann Lautenspieler, Schulbuben, die sich da-
mit vergnügen, den Kaminkehrer mit Schneeballen zu
werfen, oder die Theaterzettel von den Anschlagsäulen
herabzurcißen u. dergl. mehr. Pesseuti's Hvlzschuh-
macher, Fabbrini's goldencHochzeit, Zandomcnighi's
in der Farbe nicht übel znsaiumengchcndcs 1-stto",
junges Mävchen im Bett, Venturi's Conccrt bei offe-
nem Fenster, Glisenti's uett gcarbeitetc Erklärung an
der Ofenbank, Avanzi's „Junge Damen in vertraulicher
Conversation" — dieß und einiges Andere zählt zu
dem sich über das Niveau des ganz Gewöhnlichen Er-
hebendcn; mau sieht doch cin Wollen. Nvmagnoli hat
dicses Jahr seiner Odaliske sclbst das Hemd von „raffi-
nirter koischer Durchsichtigkeit" des vergangenen Winlers
erspart, aber den gelben Atlas als Unterlage unv andere
alte Atelierstückc mit der Dame selbst wieder mehrmals
angebracht.. Das Beste ist jedenfalls Prof. Borroni's
„il Oüilo": in cinem reich ausgestatteten Atelier ruht
in nachlässigcr Haltnng in dem Lehnstuhl cine junge
Signora, deren Heiterkeit und ncttes Füßchen mit deiu
modischen Schnh und feiueni blauen Strumpf wirksain
mit dcr weißcn Priesterkuttc kontrastircn, die sie sich uin-
gethau. Bei gcschickter Behandlung ist zu bedauern,
daß manche Theile, namcntlich die Hände, zu roh geblic-
ben sinv.

Dic Landschaft weist eine reiche Answahl erfren-
licherer Leistnngen auf. Die Künstlerfamilie Markö,
Prof. Carlo, Prof. Andrea nud Enrico Markö, ist mehr-
fach vertrcteu und vom König durch zwci Aukäufc aus-
gezeichnet worden; Carlo's Pinienlandschaft, Andrca's
Berglanvschafteu mit Küheu siud fleißige, vielleicht etwas
akadcmische Arbeiten, währcnd ber jüngerc, sicher talent-
volle Enrico etwas zu lcichthiu malt. Auch Prof.
Fattori und Carmignani bieten Beachtenswerthcs-
Achtbares an kleineren Bildern haben Burlaudo nul
seinem Fischmarkt iu Chioggia, Avanzi, Gairoarv,
Letizia dal Pietro geleistct; ihucn schließen sich Ciardi
mit seinen schon im vorigen Jahrc ausgcstellten Oa^uno
cki VonsLia uud Ugo Manaresi mit mehrercn Ma-
rinen an.

An Architektur ist nichts von ciniger Bedeutung da,
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