Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Kunstliteratur.

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kenutzen sast alle Lehrlinge auch noch den Abend- und !
Sonntagsunterrichd

Unter den neu aufgestellten Sammlungen ist eine
kleine, aber im Wachsen Legriffene aus jüngster Zeit
noch zn erwähnen. Eine Auswahl wurde iu den be-
deutcndsten Musecu Deutschlands unter den alten
Schmucksachen getroffen, um dieselben von hiesigen
Bijoutiers ganz getrcu kopiren zu lasien. Diese Nach-
ahmungen ersetzen bestens die alten oft sehr theueren
Originale und schulen zugleich die Arbeiter. Die
meisten Kopien sind Geschenke von Hanauer Patriziern.

Zum Schluß noch die sür Maler wichtigste Er-
gänzung dieses Bcrichtes, daß nicht uur die alten in-
tcressanten Bildcr in dcr Aula sehr gut placirt sind,
sondern nunmchr auch die moderne Malerei jährlich
durch dcn neu gegründeten Kunstvcreiu hier cin
schvnes Ausstellnugslokal und durch die gcschickte Lei-
tung dcs Vereins auch ciu neues Absatzgebiet erhält.

Die kgl. Ncgierung war beim Festc iu würdigster
Wcise durch die Hcrreu Regieruugspräsidenten von
Brauchitsch und Gch. Oberregierungsrath Mittler
aus Kasiel vertreteu. Von den renommirten Führeru
dcr Kunstindustrie vcrmißte man die in Berlin woh-
»enden Koryphäcn. Von Fränksurt a. M. waren die
Direktorcn Malß nnd Luthmer, aus Darmstadt
Prof. I)r. Schäfer erschienen. Prof. vr. Stockbauer
aus Nürnberg lvste dic schöne und schwere Aufgabe,
am Vvrabeudc des Fcstes im Kunstindustrie - Verein
einen Vvrtrag übcr dic Eutwickelung und die Ziele der
mvdernen Bijoutcric zu halten, in meislerhastester Weise.
— Zu dcu berühmteu Schülern dcr Hanauer Aka-
demie (Spaugeuberg, Decker, Coruizelius :c.)
gehort auch dcr greise Malcr Oppenheim in Frank-
furt a. M., wclcher als Achtzigjähriger seinen Besuch
der Baterstadt machte nnd sich sreute, daß cin so
grvßes stattliches Gebäude die alte Baracke ersetzt.
Mvge es glücken, im neuen Gebäude die renommirte
Strammheit des prenßischen Beamtcnthums mit dem
freieu Strcben künstlerischcr Jndividualitäten harmo-
nisch zu vereinigen!

X- V- Z

Aunstlitcratur.

Iw stutuaire ck. L. Larpeuux, su via et son osuvro,
purbu'uost Ostosiiouu. Uuris, (^uunliu, 1880. 8.
Die Gruppe des Tanzes vor der ncuen Oper zu
Paris hat Carpeaux's Namen eincn curvpäischcn Rus
derschafft, und der Meister des Ugolino, wie der Graf
don Nieulvcrkerke dcn römischcn Laurcaten mit deu
blitzendcn Augen schon 180 l nanntc, ehc sein Werk noch
die Villa LNedicis vcrlasscn hatte, ist keincm Kuiist-
sreunde ein Fremdcr. Sein rastlvses Streben, seinc

bedeutende Produktionskraft und sein tragisches Ge-
schick — er fiel in der Vollkraft seines Schaffens einer
tückischen, aller Menschenhilfe spottenden Krankheit
zum Opfer — verleihen seinem Lebensbilde eine er-
höhte Anziehungskraft. Carpeaux's Seclenleben, seine
Familienverhältnisie und die äußeren Episoden seines
Daseins sind in dem vorliegenden Buche ziemlich knapp
und dürftig behandelt; von dem Streben des Künstlers
und dem Schaffen des Bildhauers giebt Chesneau da-
gegen eine klare, chronologisch wohlgeordnete und von
zahlreichen Jllustrationen ergänzte Uebersicht. Das Buch
zerfällt in zwei scharf getrennte Abtheilungen: „Ou vio
et I'oouvro" und „öouvouirs ot ckoouiuonts^, denen
sich eine biographische Tabelle anschließt. Zehn große
Jllustrationen, Stiche und Lichtdruck-Reprvduktionen,
machen den Leser zunächst mit dcn ernsten Zügcn des
Bildhauers bekannt und führen ihm dann dessen be-
dcutendste Werke vor: da sinden wir dic Mittelgruppe
des bei Herrn Friccard in Valcncieunes befindlichcn
Jugendwerkes, „Die heilige Allianz allcr Völker", zu
welcher ihm Beranger's Gedicht dic Anregung gab, dcn
„Triumph Florens", Carpeaux's anmuthigsteSchöpfuug,
und scin Sorgenkind, „Die Gruppc des Tanzes," sowie
dic Doppelgruppen zum „Brunneu des Observato-
riums", die für Baleucieuncs bestimmte Statue Auto-
uie Matteau's und dic wunderbar vvllcndeten Büstcn
der Herzogin von Mvuchy und seines Freundes Alcxan-
der Dumas. Siebenundvierzig kleinere und größerc
Jllustrationcn, woruntcr sich eine Anzahl vvn Skizzcn
und ersten Entwürfcn zu später iu anderer Form aus-
geführtcn Arbeiten bcsonders auszeichncn, vcrvvllstän-
digeu diese Rundschau. Sie begiuucn mit dem Bas-
Rclief, „Die Unterwcrfung Abd-el-Kaders," dessen Bc-
stellung Carpeaux dem ihm später so wohlgewogenen
Kaiser Napoleon III. im Jahre 1853 durch Ausdauer
abgerungen hatte, bringen die preisgekrönte Statue
„Hcktor und Astyanax" mit dcr ersten jener lieblichen
Kindergestalten, die seinem Herzen und seincr Hand
lebenslang so sympathisch blieben— war doch die Biiste
des „kleinen Schmollcnden" seine erste Arbeit in der
Villa Medicis und dcr verschmachtendc klcinc Gaddo scin
Liebling bei der Gruppe des Ugolino — und über-
gehen keine Stufe seiner künstlerischen Entwicklung.
Chesneau berichtct, wic der junge Laureat das Origi-
nal zu seiner „Palombella" genannten Büstc, eine
Tochter der Sabincr Bcrgc, als Bild der ländlichcn
Barmherzigkeit die Kleider nvch ärmererGcnvsscu flickend,
antraf, er stellt uns nach Carpeaux's Zeichnung die ehr-
tiche einsache Altc vor, ivclche dem Mcistcr das Leben
gab, und der sciu letztes Schmeichelwvrt iumitten der
Oualcn des Tvdeskampfes gcltcn svlltc, und läßt unö
manchen willtviiiiiienen Blick in Carpeaux's italienisches
Skizzenbuch thun, wv Michel Angclv als Halbgvlt
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