Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Carl Friedrich Lessing 7.

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er in Düsseldorf ausführte, war eine zum Theil ver-
änderte Wiederhvlung der „Gefangennahme des Papstes
Paschalis" (1858, Eigenthnm des Königs von Preußen).

Bereits im Jahre 1846 hatte Lessing einen Ruf
als Direktor des Städel'schen Jnstitutes nach Frank-
surt a. M. erhalten, trotz der vortheilhaften Be-
dingungen aber abgelehnt. Die Düsseldorfer Bürger-
schaft veranstaltete daraus ihm zu Ehren ein Fest, und
wohl schmeichelte man sich mit der Hoffnung, ihn
nun sür immer gefesselt zu sehen an die Stadt, deren
Kunstschule vhne ihn kaum gedacht werden konnte.
Als Lessing aber im Svmmer 1858 die Ernennung
zum Direktor der Gemälde-Galerie in Karlsruhe er-
hielt, gtaubte er, so schwer ihm auch das Scheiden aus
gewvhnten, liebgewordenen >Verhältnissen wurde, diese
ehrenvolle Berufnng nicht ablehnen zn sollen. So
sicdelte denn der Meister nach der badischen Hauptstadt
über, wo sein Jugendfreund und Studiengenoffe Joh.
Wilh. Schirmer bereits seit einigen Jahren als Direktvr
einer fröhlich ausblühenden Kunstschule mit Erfolg
thätig war. Das Abschiedsfest, welches Düffeldvrf dem
Persvnlich allgemein beliebten Künstler gab, war eins
der glänzenden, von denen die Räume des „Malkastens"
zu rcden wissen. Lessing zählte zu dcn Stiftern und
langjährigen Vorstandsmitgliedern dieser Künstlerge-
sellschaft wie auch des „Vercins Düffeldorfer Künstler
zn gegenseitiger Unterstlltzung und Hülfe", und hatte
für die Bestrebungen beider Genoffenschasten immer
ein rcges Jnteresse gezeigt.

Jn Karlsruhe nahm er sofvrt seine Thätigkeit mit
gewvhntem Eifer wieder aus nnd schnf nach einer Reihe
bvn Landschaften den „Betenden Mvnch am Sarge
Kaiser Heinrich's IV." (1862, im Stadt-Museum zu
Kvnigsberg), „Die Krenzfahrer, die in der Wüstc eine
Vluelle finden," (1863, in der Kunsthalle in Karlsruhe)
nnd dann nochmals ein großes Bild aus der Refor-
wationsgeschichtc „Die Dispntation Luther's mit Eck
auf der Pleißenburg in Leipzig" (1867, in der Kunst-
halle in Karlsrnhe). Damit brachte Lessing die Reihe
seincr histvrischcu Gemäldc zum Abschluß, nm seitdem
sich ausschließlich mit der Landschastsmalerei zu be-
fnssen.

Als Eduard Bendemann das Direktorat der
Düsseldorfer Akademie 1867 aus Gesundheitsrücksichten
niederlegte, wurde Lessing zu seinem Nachfolger aus-
ersehen, lehnte aber die Berufung ab. Er hatte in
^er badischen Hauptstadt eine neue Heimat gefunden,
^ie ihm dnrch dic Hnld des kunstsinnigen Fürstenpaares,
^ie allgemeine Hvchachtung und Berehrung, die er ge-
"oß, besonders lieb geworden war. Sein gastliches
Haus bildete den Sammelplatz von Kllnstlern und
^unstsreundcn; der Meister lcbte in den angenehmsten
^erhältnissen und arbeitete in ungeschwächter Krast,

bis wiederholte Schlaganfälle seiner nnermüdlichen
Thätigkeit ein Ziel setzten. An seinem siebzigjährigen
Geburtstage, 1878, fühlte er sich nvch gesund genug,
um die ihm Vvn nah und fern dargebrachten Ehren-
bezeugnngen empfangen und das ihm von der Karls-
rnher Künstlerschaft veranstaltete Fest besuchen zu können.
Bald nachher aber begann seine Gesundheit zu wanken,
und sein Ende trat nicht unerwartet ein. Seine Leichen-
seier wurde mit beinahe fürstlichen Ehren begangen,
der Großherzog von Baden, Minister, Generäle,
Staats- und Hofbeamte betheiligten sich mit den
Künstlern und Bürgern von Karlsruhe ebenso daran,
wie die meisten Akademien und Künstlervereine Deutsch-
lands, die theils durch Deputationen, theils durch ge-
sandte Kränze ihre Theilnahme knndgaben. An An-
erkennung hat es Lessing überhanpt niemals gefehlt.
Die Berliner Akademie ernannte ihn bcreits 1832 zum
Mitgliede, auf der Pariser Ansstellung von 1838 be-
kam er sür seine „Hussitcnpredigt" die große goldene
Medaille, Friedrich Wilhelm IV. Vvn Preußen verlieh
ihm srühzeitig den Profeffortitel und den Orden ponr
Is msrits. Seine Bilder wurden viel bewundert, und
wenn sie ein Tadel traf, so galt cr beinahe immcr dem
Gegenstande, nur selten den künstlcrischen Eigenschaften.
Jn ihm vollzog sich die Vercinigung des Jdealismus
mit dem Nealismus. Seine romantisch poetische Ans-
faffung wird geläutert durch das gründliche Studium
der Natur, das ihn schon in seinen crsten tiesernsten
Schöpfungen vor krankhaften Ausschreitnngen bewahrtc.
Wenn seinen Historienbildern auch die Erhabenheit des
monumentalen Stiles abgeht, sv bietet er doch dafür
Ersatz durch lebenskräftige Jndividnalisirung, geschicht-
liche Treue nnd zutreffendc Charakteristik. Besonders
glücklich erscheint er in denjenigen Darstcllungen, in
dencn Landschaft und Fignren cinander die Wage
halten, wie in den „Kriegern, die einen Kirchhos ver-
theidigen" (1846, in der städtischen Galerie in Düssel-
dorf), odeVder „Vertheidignng eines Engpaffes" (1851,
in der Nationalgalerie in Berlin). Lessing war ein
ganz vortrefflicher Zeichner und besaß ein außerge-
wöhnliches Formengedächtniß. Anch im Alter bewahrte
er den Fleiß und die frische Kraft der Jngend. Zahl-
lose Kompositionen, Zeichnnngen, Skizzcn und Studien
füllen seine Mappen, nnd die Zahl seiner ansgeführten
Bilder ist nicht minder groß. Dic meistcn Galerien
Deutschlands besitzen Landschaften von ihm, die Preu-
ßische Nationalgalerie allein sechs, die seinen Entwicke-
lungsgang vorzüglich illustrircn; es sind: „Nittcrburg"
(1828), „Eifellandschaft" (1831), „Waldkapelle" (1839),
„Havellandschaft" (1841) „Eifellandschaft beiGewitter"
(1875) und eine seiner letzten aus dem Jahre 1879.

Lessing war im Leben und in der Kunst ein durch-
aus selbständigcr Mann. Er hat weder Jtalien be-
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