Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 12.1896-1897

Seite: 336
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Die VII. Internationale Kunstausstellung in München.

Humor und ^>chwerfälligkrik. von Adolf «Oberländer.

Sonate", ein Dutzend Amoretten, die in und um einen
Wasserfall herumplätschern und flattern, was sehr anmutig
aussieht. Wild und schaurig mutet dagegen Dieffenbachers
„Schwärzer" an, der nachts bei Mondschein sterbend
der Frau ins Haus gebracht wird. Schmutzlers
„Bacchusfest" führt uns in einen tollen Jubel der
nur zu sehr an eine Ballettszene erinnert, um so
recht sympathisch zu sein. Wie es denn überhaupt sehr
komisch anmutet, daß die „Jungen" das Theater wohl
in der Tragödie los geworden, dagegen den Einfluß des
Balletts nur zu oft verspüren lassen! Um so glaub-
würdiger sieht I. v. Brandts große „Königs-Schlitten-
fahrt" aus, die bei aller Pracht doch durchaus wahr an-
mutet, weil die Charaktere vom König Sobieski bis zum
letzten Trabanten so echt polnisch gerieten, daß man un-
bedingt an sie glaubt. — Schlicht, wahr und rührend er-
scheint uns dann Hannemanns in Weimar „Begräbnis",
und auch „Mariä Heimsuchung" von Feldmann in
Düsseldorf trifft diesen tiefgemütvollen Ton, wie Max
Sterns „Vor der Prozession". Offenbar hat Ed. v.
Gebhardts Beispiel auf all diese Maler mächtig einge-
wirkt, indem es sie lehrte, der gemalten Phrase aus dem
Wege zu gehen, was selbst von der Madonna Wünnen-
bergs in Cassel gilt.

Von Kabinettsmalerei ist durch die scharfe Charak-
teristik hochinteressant ein „Eisenbahn-Wartesaal" von
Seiler, der hier, meines Wissens zum erstenmale, ganz
moderne Figuren schildernd, damit auch gleich bewies, daß
er dieser Aufgabe in ungewöhnlichem Maße gewachsen sei.
Außerordentlichen malerischen Reiz entfaltet der Veteran
Anton Seitz in einem seiner köstlichen Kabinetts-
stücke, einer „Spielhölle", und auch Gaißers „Gelehrter"
ist ein reizendes Stilleben. — Vielleicht das feinste Bild

dieser Art ist aber Löwiths „Deputation vor Sr. Durch-
laucht" und Ulrichs „Lustige Gesellschaft" ist wenigstens
voll guten Humors. Eine sehr lustige und überdies ganz
reizende Gesellschaft bilden F. A. Kaulbachs den
Frühlingsreigen tanzenden Mädchen, die ganz modern
elegant kostümiert doch höflich malerisch aussehen und
dabei sehr fein individualisiert sind. Das prächtige Ge-
mälde gehört schon zum besten, was die Ausstellung
überhaupt gebracht.

Unübersehbar ist gegenüber jeder anderen Gattung
dagegen die Zahl der mehr oder weniger reizend darge-
stellten unkostümierten Mädchen, die unsere Maler offenbar
viel mehr interessieren, als alle Kalenderheiligen samt unfern
nationalen Helden dazu. Hier entdeckt man auch zuerst
in Raffael Schuster-Woldan ein ganz entschiedenes
junges Talent, das eine nackte Schöne in der Wildnis dar-
stellt, der ein junger Mann in schwarzem Gewand energisch
die Cour macht. Wie man das alles zusammenreimen
soll, ist freilich schwierig genug zu sagen, um so sicherer
bleibt aber, daß der leuchtende nackte Körper in der grünen
Wildnis mit einer Naturwahrheit und zugleich mit einer
Bravour dargestellt ist, welchen in der ganzen Ausstellung
nichts Aehnliches mehr gleichkommt. Dieser der „Luitpold-
gruppe" gehörige Saal, der auch Defreggers Bilder,
Firles „Heilige Nacht" und Echtlers „Sünderin" ent-
hält, ist überhaupt der schönste in der ganzen Ausstellung
nach der Seite der wunderbar harmonischen Gesamtwirkung
hin. Allerdings enthält er nur eine Reihe Bilder, diese
sind aber glücklicherweise auch alle ungewöhnlich gut, so
besonders ein Bauernmädchen von Leibl, mit einer so
stupenden Wahrheit dargestellt, daß man dem schönen Kind
sogar seine Abkunft aus Oberbayern und nicht etwa aus
Tirol ganz deutlich ansieht. — Schön gemalt sind Holm-
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