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57

zur


LITERATUR - ZEITUNG

vom Jahre i 7 8 £♦

Numero 8.

GOTTESGELAHRT HEI T.
Berlin und Stettin, bey Nicolai : Liturgie
und Gebetssormeln, zum össentlichen Gottesdienß
sür Chrißen von allen Confejfionen von sjofeph
Prießlcy. Aus dem Englischen iibersetzt. Mit
einer Vorrede: Ueber die Möglichkeit und den
JVerth eines allgemeinchriß liehen Gottesdienflcs
von H. A. Pißorius. 1786. 128 $. und 48 S.
Vorr. gr. g. C is gr.)
Die Schrift, welche Hr. Pißorius, zu Poseritz
auf der Insel Rügen »hier in einer deutsehen
Uebersetzung geliesert hat, wurde von Hn. Prifiley,
unter der Aufschrist: Forms os Prayer and other
ossices sor the ufe os unitarian Societies, zu Birming-
ham, 1783- herausgegeben. Da der Uebersetzer
die Absicht hatte, diese unitarifehe Liturgie, als ei-
ne Probe einer allgemeinen Liturgie für alle christli-
che Parteyen aufzustellen: so hat er um deswillen
nicht nur den Titel, sondern auch einige Ausdrü-
cke und Stellen, welche eine nähere Beziehung auf
die Lehrsätze der Unitarier hatten, nach seiner Ab-
sicht verändert. Bis aus diese wenige Stellen hat
der Uebersetzer den Sinn des englischen Originals
im Deutsehen richtig, und mit vieler Würde aus-
gedrückt. Die meisten Gebete sind rührend und
herzerhebend , und haben im Deutsehen dasKraft-
volle nicht verloren. Da die Schrist im Englischen
schon vor dem Ansänge der A. L. Z. erschienen
jst: so können wir von dem Inhalt derselben hier
nichts weiter anführen. Aber desto mehr verdient
die Vorrede des Uebersetzers eine nähere Anzeige.
Hr. P. stellt hier einige Betrachtungen über die Mög-
lichkeit, und über den JVerth einer allgemeinchriftli-
chen Gottesverehrung an. Er setzt die richtige Be-
merkung voraus, dass die christliehe Religionsan-
stalt, bey aller ihrer Vollkommenheit, nach dem
Plan ihres göttlichen Stifters, mir allmählich zu ei-
ner immer grösseren Reife und zweckmässigeren
Vollkommenheit unter unvollkommenen Menschen
gedeihen konnte. Es darf uns also nicht besrem-
den, dass eine zweckmässige Einrichtung des ös-
fentlichen Gottesdiensls unter den Christen nur die
spät reisende Frucht vieler Verbuche seyn konnte.
ß, L. Z' 1786. Supplemeföband,

Weil er einer beständig wachsenden Vollkom-
menheit empfänglich seyn sollte: so fand es der
Stifter des Christenthums nicht für gut, ausführli-
che Vorschriften über den öffentlichen Gottesdienst
zu hinterlaßen, und begnügte sich, nur zween all-
gemeine und bedeutende Religionsgebräuche, als be-
ständig dauernd, anzuordnen. Da nun die ersten
Christen aus Juden befanden : so bildete sich der
erste christliche Gottesdienst nach dem jüdischen,
und war nur eine wenig veränderte Copey der Sy-
nagoge. (Nach den ältesten Nachrichten in der
Apostelgeschichte des Lucas war doch die Form
des Gottesdienfls der ersten Christen von der Form
des jüdischen Gottesdiensss gar fehr verfchieden.)
Durch die nachmalige Nachahmung des ceremonio-
sen Tempeldiensts der Heiden wurden die jüdischen
Gebräuche beym christlichen Gottesdienst noch
durch heidnische vermehrt, und man entfernte sich,
nachdem das Christenthum die herschende Religion
worden war, immer mehr von der vernünstigen
Einfalt, die der christliche Gottesdienst nach dem
Plane Jesu haben sollte. Unter einer Menge wi-
dersinniger Gebräuche war der Geist der vernünfti-
gen Andacht beynahe völlig erstickt. Durch die
Reformation ward der öffentliche Gottesdienst von
vielen abergläubigen Gebräuchen, welche sich aus
die abgeschafften Dogmen bezogen, gereinigt, und
der Gebrauch der deutsehen Sprache bey gottes-
dienstlichen Handlungen eingeführt; aber Vieles
von dem vorherigen geistlosen Ceremonienwesen
blieb noch übrig. Die nächsten Nachfolger der Re-
formatoren behielten den dogmatisch - polemischen
Geist derselben in ihren gottesdienstlichen Gebeten
und Liedern bey, und dachten wenig auf eine wei-
tere Verbesserung der Liturgie. Im vorigen Jahr-
hunderte führte man einige beßereLieder°ein, und
in den neuesten Zeiten ist man auch in der Verbes-
ferung der Liturgien überhaupt weiter gekommen»
Aber an vielen Orten hat man noch die alten Li-
turgien und Kirchenagenden beybehalten. Diese
unverletzliche Heiligkeit der alten Rituale beygrös-
serer Aufklärung bestätigt die Bemerkung, dass ein
Volk in religiösen Einlichten Fortsehritte machen
könne, ohne dass sein össentlicher Gottesdienst, in
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