Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

Seite: 22
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/form1928/0032
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
FÜSSE

DES NEBENSTEHENDEN
KRUZIFIXUS

zusammen und verbindet sie durch Hart-
lölimg. Die Nähte läßt er stehen ohne sie
zu überputzen oder überfärben. Er bildet
sozusagen erst einzelne Schalen aus Blech,
die er dann zu der Vollform zusammenlötet.
Diese einzelnen Schalenteile werden zuerst
als Abwicklung aus der Blechplatte heraus-
geschnitten, wie der Schneider die einzel-
nen Teile des Anzuges aus dem Stoff her-
ausschneidet. Nun ist Wissel so einsichtig
und mit einem so feinen Malerialgefühl be-
gabt, daß er sich streng davor hütet, den
einzelnen Blechschalen zu komplizierte und
naturalistische Formen zu geben. Dank der
Sicherheit seiner Hammerarbeit unterwirft
er die einzelne Blechschale einer einheit-
lichen Spannungskurve, die an der Lotnaht
organisch in die Spannungskurve der näch-
sten Blechschale übergeht. Seine Arbeit ist
daher in erster Linie Hammerarbeit, und
nur für einige wenige Details wird er den
Treibpunzen zu Hilfe nehmen müssen. Er
verbindet technisch und formal künstlerisch
die Schalen zum vollplastischen Gebilde im

Gegensalz zu den bekanntgewordenen Ar-
beiten der Wiener Schule, die getriebene
Platten dekorativ aneinanderhängen und sie
nicht organisch verbinden.

Wissel ist kein Fanatiker der handwerk-
lichen Technik, das zeigt sich daraus, daß er
ehrlich die Blechnähte stehen läßt und
nicht, was er technisch sicherlich könnte,
die ganze Figur oder den Kopf aus einem
Blechstück herausschlägt oder treibt. Seine
Technik dient einem künstlerischen Mo-
ment. Seine Lotnähte sitzen ganz organisch
im Körper der Figur, aber sie bleiben
Blechnähte und werden nicht dekorativ oder
zur Erzielung eines naturalisierenden Ef-
fekts ausgewertet. Seine Figuren bleiben
in einem seltenen Sinn immer Material,
nämlich durch den Hammer in Spannung
gebrachtes Metallblech. Und diese Span-
nung des Materials ist für ihn das Mittel
des künstlerischen Ausdrucks. Er kommt
dadurch zu einem plastischen Ausdruck,
den gute plastische Erzeugnisse großer
Künstler immer haben: die lebendige Be-

22
loading ...