Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 3.1928

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DIE SONDERBAUTEN DER PRESSA

Die nur für die Dauer einer Ausstellung
errichteten Bauten waren bis vor kurzem in
der Regel nicht wert, ernsthaft gewürdigt zu
werden, und erhoben auch kaum diesen An-
spruch. Sicher gab es da und dort manch-
mal barackenähnliche Gebäude von ausge-
zeichneter Form, — aber wo größere und
ernstere Wirkungen angestrebt wurden,
oder wo man etwa zu einer gewissen Phan-
tastik zu gelangen versuchte, da kam nicht
viel dabei heraus. Die Formen der Bau-
kunst waren zu sehr durch den Stein, den
Baustoff der Dauer bestimmt, und wenn
man diesen durch leichtere Stoffe ersetzte,
so entstand übles Surrogat, dem man die
Billigkeit meistens schon nach wenigen
Wochen ansah; versuchte man aber die
Steinformen ins Phantastische zu steigern,
so kam man sehr bald schon ins Abstruse.

Heute ist die Lage anders. Die neuen
Bauformen sind nicht mehr durch den S'.ein
bestimmt, die neue Statik ist die des Eisens,
und in welcher Weise man das Stahlgerüst
des Baues verkleidet, das ist nun eine Frage
der Dauerhaftigkeit und der Kosten, wirkt
aber nicht notwendig auf die Form. Daher
kann man heute bei Bauten, die für keine
längere Lebensdauer bestimmt sind, mit den
gleichen Formelementen arbeiten, die auch
für Dauerbauten maßgebend sind, kann
diese Elemente aber ohne weiteres gemäß
dem leichteren Zweck der Bauten umgestal-
ten und in freieslem Spiel verwenden. Kann
sie vor allem auch, wenn man will, zu einer
sehr eindrucksvollen Phantastik steigern,
wenn man die fast unbegrenzten statischen
Möglichkeiten des Stahls ausnützt. So wird
nun auch ein nur für kurze Dauer bestimm-
ter Bau zu einer ernsten Aufgabe, an der

sich die Gestaltungskraft eines Architekten
bewähren kann und liegen in diesen Auf-
gaben sogar Gestaltungsmöglichkeiten, in
denen sich der Sinn der neuen Formen-
sprache erst ganz erfüllt. Die Dauer ist nun
nicht mehr das Wichtigste bei einem Bau
— wie ja übrigens ganz allgemein auch bei
den größten Bauaufgaben heute nicht mehr
mit einer Dauer von Jahrhunderlen gerech-
net wird.

Die eleganten und geistreichen Lösungen,
die Mendelsohn, Biphan, Schumacher-
Köln und manche andere auf der „Pressa"
für sehr flüchtige Aufgaben gefunden
haben, stellen die ersten wesentlichen
Schritte auf diesem neuen Wege dar, auf
dem wir noch Wichtiges zu erwarten haben,
auf dem uns sicher auch die Ausstellung
1932 Bedeutendes bescheren wird. Da ist
keine Form, kein Raum, der einen bleiben-
den Bau vortäuscht, da ist alles auf den
mehr oder weniger eiligen, jedenfalls
immer wechselnden Besucher gestimmt, der
oft in recht phantasievoller Weise seinen
Weg gleichsam durch Labyrinthe geführt
wird, alles dient der Schau oder der akusti-
schen Aufnahme jener flüchtigen Zeichen
des Augenblicks, — und alles hat doch seine
echte „Form", die mit der der bleibenderen
Baukunst eng zusammenhängt. Und hier
wagt sich auch eine Tendenz zum erstenmal
hervor, die in dem seriösen Betrieb unserer
Städte im Augenblicke kaum geduldet ist:
eine ganz neue Phantastik, für die in den
neuen statischen Möglichkeiten die Vorbe-
dingungen geschaffen sind, eine Phantastik,
die vor allem in dem offenen Widerspruch
gegen alle alte statische Logik, in der Auf-
hebung aller Schwere beruht.

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