Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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Zeitlich recht weitem Abstände an. Ein nicht minder kühner
Sprung führt zu Hans von Marees, der mit einem 1860 da-
tierten Gemälde aus Ulmer Privatbesitz vertreten ist. Es
folgen Repräsentanten der neueren Stuttgarter Malerei, wie
Eandenberger, TIaug, Reiniger, großenreils Leihgaben eines
Augsburger Sammlers. Auch von Liebermann und Corinth
sind kleinere Proben aus Privatbesitz zu sehen. Ein wenig
vereinsamt und zufällig in dieser Umgebung eine bretonische
Landschaft von Serusier. Die Laurencin, Braque, Derain,
Friesz vertreten das junge Frankreich; Hofer, Levy, Caspar
das junge Deutschland. Das Ganze wirkt noch einiger-
maßen bunt und zufällig. Man hat Baum vorgehalten, er
solle sich mehr auf die lokale Produktion einstellen und dem
von Lichtwark gegebenen Beispiel folgen. Aber was in
Hamburg möglich war, braucht es nicht auch in Ulm zu sein,
und die Absicht, in einer Provinzstadt Interesse an der leben-
den Kunst zu erwecken, ist an sich wohl lobenswert, wenn
man auch fürchten mag, daß die Mittel nicht ausreichen
werden, ein so weitschauendes Programm durchzuführen, wie
es mit den im ersten Anlauf gewonnenen Erwerbungen und
Leihgaben wenigstens angedeutet ist. G.

MANNHEIM

Die Kunsthalle hat in den letzten Monaten versucht,
durch eine Ausstellung von Architektin-Zeichnungen, Rissen
und Modellen einem größeren Publikum Begriffe von dem
zu geben, was die Baukunst augenblicklich als Problem emp-
findet und zu verwirklichen strebt.

Interessant war es, zu sehen, wie man sich im Ausland
zu den aufgeworfenen Fragen stellt. Holland bot das ge-
eignete Demonstrationsobjekt. Nicht als ob hier alles aufs
beste gelöst wäre — man findet manche überflüssige Geste,
manches unnötige Experiment. Zur ersten Gattung gehört
etwa van Heukeloms Eisenbahnverwaltungsgebäude in Utrecht,
dessen entleerte Gotik nicht sehr anspricht. Dennoch er-
freut ein gewisser naiver Wagemut auf der einen und eine
besonnene Verbindung mit guter heimischer Tradition (vor
allem im Wohnbau) auf der anderen Seite. Insbesondere
die Innenhofsiedelungen und Miethäuser I. I. P. Ouds be-
stachen durch die Phrasenlosigkeit der Gestaltung und Sauber-
keit des Denkens.

Das meiste Material kam aus Deutschland. Die Disso-
nanz zwischen Wollen und Können wurde hier stärker fühl-
bar. In einem Falle originale Eingebung, im andern eine
gefährliche Neigung, alles gleich in „Weltanschauung" um-
zumünzen. Da ist die Fabrik nicht mehr Arbeitsstätte, son-
dern „Tempel der Arbeit", ein Hochhaus wird zum „Symbol
des schöpferischen Schaffensrhythmus der Großstadt".

P. Behrens ist durch eine Reihe von Werken vertreten
und wirkt im Rahmen nützlich ernster Aufgaben klassisch
und vornehm. Poelzig verkörpert das andere Prinzip: er ist
vor allem temperamentvoll und geistreich und hat Sinn für
die Phantastik modernen Lebens. Dafür gerät ihm dann
manches zu sehr ins Aphoristische. Den besten Einblick in
die Verschiedenheit der Naturen gaben die Entwürfe zum
Hamburger Messehaus.

Die Aufgaben des Hochhauses werden besonders durch
Mies van der Rohe erfaßt. Der Sakralbau ist nach wie vor
das Schmerzenskind; am besten weiß sich noch Behrens

durch Anlehnung an italienische Vorbilder, deren Rationa-
lismus ihm wahlverwandt ist, damit abzufinden; je origineller
und — praktischer der Architekt sein will, desto unbehag-

licher die Wirkung.

L. Moser (Karlsruhe).

BERLIN

Über die Berliner Ausstellungen des Februar kann aus
Gründen des verfügbaren Raums nur kurz berichtet werden.
Einige Anmerkungen über die Ausstellung amerikanischer
Architektur in der Akademie sollen im nächsten Heft gegeben
werden. Ebenso wird die wichtige Barlach-Ausstellung bei
Paul Cassirer im nächsten Heft ausführlicher behandelt
werden.

Sehr nachdrücklich war Otto Dix in der Galerie von
Neumann & Nierendorf ausgestellt. Bilder von Dix sieht
man nun seit Jahren immer wieder, einmal mehr, einmal
weniger. Man kann nicht sagen, daß sie dadurch besser er-
scheinen. Nierendorf hatte einmal alles zusammengebracht
und wirkungsvoll aufgestellt. Die Ausstellung, so gut sie
gemacht war, vermochte nicht zu überzeugen. Dix hat als
forcierter Allegorienmaler begonnen und ist es noch heute,
er reckt illustrative Gedanken ins große Format, stilisiert
moderne Gräßlichkeiten ins Präraffaelitische und benutzt alte
Meister schon gar zu offensichtlich. Zuweilen verhilft ihm
ein alter Meister einmal zu einer wuchtigen Silhouette (Der
Zuhälter). Dix ist menschlich nicht uninteressant; künst-
lerisch ist der Fall ziemlich hoffnungslos. Was im einzelnen
auseinanderzusetzen vorbehalten bleiben mag.

Im Kronprinzenpalais gab es eine Ausstellung zu Ehren
Oskar Molls (zum fünfzigsten Geburtstag). Wer so malen
will wie Moll, wer alles Leben so zum Dessin machen will,
muß sehr viel Geschmack haben. Einen wahrhaft originellen
Geschmack hat Moll aber nicht. Er läßt es sich sauer wer-
den; doch dürfte gerade dieses Genre dem Künstler nicht
sauer werden, damit das Leichte leicht wirken kann.

Von Mossons hübscher Ausstellung in der Galerie J. Cas-
per ist schon weiter vorn die Rede gewesen.

In der Kleinen Galerie (Wiltschek) waren Bilder von
Adrion zu sehen, der in Paris einen gewissen Erfolg hat.
Seine Malerei ist recht unangenehm. Am besten waren noch
seine Bilder im Sinne Utrillos, die früher einmal bei J. Casper
zu sehen waren; seine neuen Arbeiten sind Dokumente eines
höchst oberflächlichen, wirkungslüsternen, srellenweis geradezu
kitschigen Nachexpressionismus. Alles liegt im Vortrag;
nirgends ist die Natur naiv und bescheiden empfunden.

Junge Dresdner Maler hatten bei Fritz Gurlitt ausgestellt.
Es war mancherlei da, doch war nicht ein Bild, nicht eine
Plastik zu sehen, die zum Verweilen gezwungen hätten. Es
sieht — auch in Dresden — nicht hoffnungsvoll aus mit
dem jungen Nachwuchs.

Der Zeichner Trier stellte in der Neuen Kunsthandlung
aus. Amüsante, lustige Dinge, die von einer harmlosen,
persönlichen Freude am Kindlichen Zeugnis geben und von
einer Lust am Primitiven und Drastischen, die natürlich, die
nicht geschraubt ist. Leider bleibt die Form meistens auf
halbem Wege irgendwo im Konventionellen oder Altmodischen
stecken. Die komische Deutung der Erscheinung ist nicht
durchaus konsequent: die Landschaft, das Interieur ist nicht
selten anders gesehen als der Mensch darin. In dem „Noah-

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