Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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für Arbeit und Unterricht aus. Den weiten Weg
von seiner Wohnung, nahe dem Glaspalast, zur
Akademie legte er viermal täglich meist zu Fuß
zurück. Da wir Nachbarn waren, ging ich öfters
mit ihm zusammen und lernte dabei seine Emp-
findsamkeit gegenüber den farbigen Eindrücken
der Natur kennen. Wie konnte er sich für die
Feinheiten einer Stimmung, einer grauen Luft,
eines durchbrechenden zarten Blau erwärmen! Diese
Liebe zur Natur und Naturbeobachtung war es
wohl auch, die seine einzige Passion, seine einzige
Erholung und Unterbrechung der künstlerischen
Arbeit, den Sport des Fischens, ins Leben gerufen.
Daß er dabei aber doch ein richtiger Fischnimrod
war, erkannte man an dem großen Beuteanteil,
den er seinen Freunden gerne zukommen ließ,
wenn er mit reicher Beute vom Fischzug heim-
gekehrt war. Wie oft hat er von seinen Fischen
meiner Mutter herübergeschickt, die er besonders
gern leiden mochte. Jahrelang hat er an einem
kleineren Bilde für sie gearbeitet. Es stellte einen
Landmann dar, der am Abend ein Bauernmädchen
mit einem gefleckten Zicklein auf dem Schoß auf
einem Schimmel durch eine Furt geleitet; öfters
erzählte er davon, wie dieser oder jener Liebhaber
gerade dieses Bild haben wollte und fügte schmun-
zelnd hinzu, daß dieses Bild schon vergeben sei.
Ich glaube, er hätte für die Nationalgalerie nicht
mit mehr Liebe arbeiten können, als für diese
Freundesgabe, die er dann nach
Abschluß in reichem Glanz-
goldrahmen ablieferte.

Um ein abgeschlossenes Bild
von dieser Persönlichkeit zu ge-
winnen, mußte man ihn zu
Hause gesehen haben. Besuchte
man ihn abends, so kam man
in ein eigentümlich gemütlich,
patriarchalisches Milieu. Das
Dienstmädchen, das die Tür
öffnete und schon lange im
Haus war, fühlte sich so halb

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zur Familie gehörig. Das Bierfäßlein stand im
Korridor, denn hier trank man stets vom Faß. Im
gemütlichen Wohnzimmer präsidierte der Haus-
herr nach getaner Tagesarbeit behaglich im Lehn-
stuhl. Für Gattin und Söhne war der Herr Pro-
fessor stets „der Papa". Der Gast hatte noch nicht
Platz genommen, so war ihm schon von irgend-
einem Familienmitglied der schäumende Krug,
frisch vom Faß, vorgesetzt. Die sorgliche Haus-
frau hatte Kaviar oder irgendeine derartige Deli-
katesse bei der Hand. Man war sofort in der At-
mosphäre von Sinnen- und Lebensgenuß der alten
Niederländer, deren Kunst Diez so geistreich in
die moderne Malerei eingeführt hat. Die Zigarre
ging bei ihm nie aus, vom frisch eingeschenkten
Bierkrug strich er behaglich und fachmännisch den
Schaum ab und es war stets irgendein besonders
guter Trunk, Märzenbier, Kochelbräu oder irgend
etwas extra.

Wenn dann der Künstler, der neben der Zei-
tung mit Vorliebe in alten Chroniken etwa aus
dem dreißigjährigen Krieg oder den Bauernkriegen
schmökerte, einem so eine Stelle vorlas, wie toll
es da zuging, die bepackten Saumtiere, bäumende
Rosse, raufende Landsknechte, alles malte er aus, da
ging einem ein Licht auf, wie seine Kunst nach
Stil und Stoff ganz von innen heraus erlebt war.

Aus dem Kreis der Diezschüler war 1907 der
Gedanke angeregt worden, dem verstorbenen Mei-
ster in der Gegend, wo er so
gerne gefischt, einen Gedenk-
stein zu errichten. Ich habe
mich daran gerne beteiligt,
möchte aber doch noch ver-
suchen, in diesen Zeilen dem
Lehrer, der mir ein Freund
geworden, ein weiteres kleines
Erinnerungszeichen zu setzen,
das sein treffliches, in der
neuen Pinakothek hängendes
Selbstbildnis ein wenig ergänzt.

(Fortsetzung folgt.)

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EMIL ORLIK, MASKE. ZEICHNUNG

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