Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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ZWEI BILDNISSE VON LUCAS CRANACH

VON

MAX J. FRIEDLÄNDER

A uf einem britischen Landsitze wurden erst vor
wenigen Jahren die beiden Bilder erblickt, die
ich hier reproduzieren zu dürfen mich freue. Das
heißt, erblickt wurden sie auch früher schon, aber
nicht von Augen, die vorbereitet waren, sie zu
verstehen. Sie kamen kürzlich durch Vermittlung
eines deutschen Kunsthändlers in den Besitz des
Herrn Oscar Reinhart nach Winterthur.

Für den Kunstfreund, der dem stükritischen
Bemühen die Vorstellung verdankt von der schöp-
ferischen Jugendkraft Lucas Cranachs, bietet dieses
Porträtpaar keinerlei Rätsel, vielmehr nichts als
Bestätigung und Bereicherung. Diese Gemälde fü-
gen sich ein in die kleine Gruppe von Werken,
in denen die oberdeutsche Gestaltung Tiefstes jäh
und eruptiv ausgab — in einer kurzen Blüte, die
mit Dürers „Apokalypse" anhebt, mit Grünewalds
Isenheimer Altar endet. Innerhalb der Zeitspanne

zwischen diesen beiden Schöpfungen schuf Lucas
Cranach — 1503 und 1504 — die Passionstafel,
die jetzt in der Münchner Pinakothek hängt, das
Porträtpaar Reuß (Nürnberg und Berlin]), sowie
die „Ruhe auf der Flucht" (Berlin). Zu diesen
Tafeln, die hoch über allem stehen, was Cranach
später und gleich danach geschaffen hat, gesellt
sich das hier abgebildete Paar, als gleichartig und
gleichwertig dem Joh. Stephan Reuß und seiner Frau.
Die Auffassung ist dieselbe, auch die Malweise,
das Verhältnis der Halbfigur zur Bildfläche und
zum Raum, das Verhältnis des landschaftlichen
Grundes zur Menschengestalt. Eben die feurige
saftreiche Farbe, mit Purpur, Gold, schwärzlichem
Laub, blauem Himmel. Hier und dort dehnt sich
die landschaftliche Formation einheitlich über die
Hälften des Diptychons und schließt die Bildnisse
zusammen. Die Jahreszahl 1503 darf ohne Bedenken

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