Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 24.1926

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LUCAS CRANACH, JOH. ST. REUSS. 1505

NÜRNBERG, GERMANISCHES MUSEUM

von dem Reuß-ßildnis auf unser Paar übertragen
werden, zumal da Cranach, der bald darauf sich
völlig wandelte, sicherlich nicht vor 1503 den Höhe-
punkt seiner Bahn erreicht hat.

Der Unterschied zwischen den beiden Paaren
liegt ausschließlich im Wesen der dargestellten Perso-
nen. Die jüngeren Eheleute sind minder sorgenvoll,
resigniert und dumpf. Der Mann mit dem geschlos-

senen Buch aufwärts blickend, beken-
nerhaft, die Ehefrau ein wenig be-
engt und trotzig, wie behindert durch
Gewand und Schmuck. Unruhiges Le-
ben springt über in das Gelände, wo
mit kindlichem Vergnügen am Aben-
teuer allerlei beziehungsreiche Vor-
gänge geschildert sind: Kämpfe zwi-
schen Vögeln im Himmel — badende
Frauen — ein lichterloh brennendes
Haus —, aktiv, dramatisch wie das
Land mit den steilen Burgfelsen und
dem dunklen Laub.

Bedenkt man den Zeitpunkt —
1503 und nicht später — und sammelt
im Geiste, was sonst und anderswo da-
mals ans Licht kam, in Italien, in den
Niederlanden, in Dürers Werkstatt,
so wächst das Staunen über Cranachs
Gelöstheit, seine unbefangene Origi-
nalität, seine sorglose Sicherheit. Wie
gemessen, vorsichtig, sacht aus der
Tradition entwickelt ist dagegen alles
andere. Die Wirkung liegt im Gan-
zen, nicht in den Einzelheiten. Die
Bilder sind nicht mit Besonnenheit
gestaltet, nicht mit Wissen konstruiert,
vielmehr aus erregtem Gefühl spontan
mit raschem Griff eingefangen.

Die Tafel des Frauenporträts zeigt
auf der Rückseite ein Doppelwappen,
das leider arg zerstört ist und schwer-
lich zu deuten sein wird. Wir ver-
muten, daß dieses Paar in Wien lebte
wie Stephan Reuß. Vielleicht ein jugendlicher
Lehrer an der hohen Schule zu Wien, deren Rek-
tor Reuß war. Die Bilder haben erlauchte Herkunft.
Sie entstammen der berühmten Sammlung Charlesl.
von England, wie das auf der Rückseite der einen
Tafel eingebrannte bekannte Zeichen — CR und
Krone — bezeugt. In jener Sammlung hießen sie
schwerlich „Cranach", vielleicht „Dürer".

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