Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

Page: 205
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kunstchronik1880/0109
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
205

Äunslliteratur.

206

Unbestreitbur hängt das, tvas nnsere setzige Gcne-
rativn der Plastik der letztcn Jahrzehnte zum Vvr-
tvurfe macht, die farblose Monotonie, die nüchterne
Schwnnglosigkeit und die gcringe dekorative Wirkung
ber Mehrzahl ihrer Schöpfungen aus's cngste mit
der nus einer cinscitigcn Auffastung dcr Antike ent-
standcnen, hcntc mit Rccht allgemein als irrig verur-
thcilten Anschannng zusammen, die, glcichgiltig gcgcn
^as Material der Ansfiihrung, allein die abstrakte
8vrm zn kennen scheint. Jst dics aber richtig, so ist
auch übcr die Fvrdernng, die sich mit ttivthwendigkeit
t'araus crgiebt, keincrlei Zlvcifel möglich. Sich aus
Ivnem für nnsere gesammte modernc Prvdnktion sv
!chädlich gewordcnen Jrrthnm ivicdcr vollständig hcr-
üuszuarbeitcn, kaun dann eben der Plastik so gnt Ivic
bi'v Kiinstindnstrie nnr dadurch gclingcn, daß sie sich
ivovvn nicht ivenige Entlvürfe dcr in Rcde stchcnden
^vnknrrenz bcdanerlichcr Wcise das gerade Gcgentheil
zeigen — bci jedcm Werke sort nnd fort die maß-

gebende Bedcutung deS Biaterials vergegcnivärtigt nnd
choBcschränknngen, dic es auserlegt, Schritt siir Schrilt
ui> Auge bchält, nm zugleich die Freihciten, die cs gc-
llattet, nach Gebühr auszunntzeii nnd damit dcm
Äiarnior Ivie der Bronze dic einem jeden dieser Stosfe
°igciithiimlichcn individnellen R'eize in vvllem Umsange
ttbzugewinnen.

Jn fast nvch höhercm Maße jedoch bedars unsere
Plastik, wenn anders sie anf den Bahncn, denen sich
^si'e begabtcren Bertreter mehr nnd mehr znwenden,
Ki glücklichem Zicl gclangcn ivitl, gleichsam ciner
^vRiiknng nnd Sättignng mit echt architektonischem
^cist und Gefühl. Nnr durch cinc hierans gcrichtcte
^chulung, in der sie zugleich dcn einzig wirksamen
^chutz gegen die der nen eingeschlagencn Richtung
ttahelicgcnde Gefahr dcr Anvschrcitung iisis Stillose
ttiid Zerfahrene sinden kann, vermag sic sich die rei-
chereu 2lusdruckgi»ittek zu schaffen, über die sie nm sv
Iieier gebieten mnß, jc mehr sie sich von der bis da-
hi>i üblichen Einfachheit selbst cines ansgedehnteren
ttivuiiuientalen Aufbaues zn emancipircn sncht. Und
hivrhcr gehört nicht etwa blos dic wirklich in
^^isch und Bkut übergcgangene Kenntniß dcr zur
^Mvendnng gclangendcn architcktonisch - dekorativcn
8vr>uen und des inncrcn Organismns derselben, an
bvren Stclle nns bis jetzt nvch häufig gcnug ein mehr
vber weniger willkürliches Konglvmerat ziemlich äußer-
üch aufgefaßter Bildnngen entgegentritt, sondern vor ^
ttlle», uuch die Fähigkcit dcr sichcren Bcrechnung weit-
tttts größerer nnd m annigfachcrer Ranmwirknngcn als
^vi'jeuigen, mit dencn es die Gcnreplastik auf der cincn
ttiid die bisher üblichc Schablvnc dcs monumcntalen
ttsbaues aus der andcrcn Seite zn thun haben. Wenn
ttber die lange Reihe der Entivürfe zn jener Biktoria-

statue und der Umstand, daß sast die Hälsle derselbcn
die Fignr nicht cinmal mit dcr sie unmittelbar nm-
rahmenden Bogennische, geschweige denn mit dcn Ge-
sammtvcrhältnissen des Saales, der sie aufnehmen
sollte, und mit der andcrweiten Dekoration des letztercn
in crträglichcn Einklang zn bringcn wußte, zu cinem
Rückschluß anf das dnrchschnittliche Können nnferer
Bildhauer bercchtigl, sv ist dic Berliner Plastik von
dem eben angedeutctcn Ziele noch weit entfernt, nnd
der Ausgang dicser Kvnkiirrenz kann sie nur dringend
dazn auffordern, der Aiisfüllnng eincr ebensv cmpfind-
lichen wie allerdings im Hinblick auf die bisherige Ent-
wickelung vollauf erklärlichen Lücke ihreS künstlerischen
Vermögens ihr ungetheiltes Augenmerk znznivendcn.

(Schluß solgt.k

Aunstlitercitur.

(Hriechischc Hcrociigcschichten. Von Barth. Gcvrg Nic-
bnhr an seinen Sohn erzählt. Mit zwölf Zcich-
nnngen vvn Friedrich Prcl ler nnd vicr Friesen nnd
Schlnßvigncttcn vvn Thcvdvr Grosse. Pracht-
ausgabe. Gotha, Fr. A. Pcrthcs. 1880. Fol.
Das licbenswürdigc Büchlcin des bcriihmten Hi-
storikers lesen nicht nnr Kinder mit Vergnügcn; in
dieser schlichten Erzahlung tritt die einfache Schönhcit
dcr alten Sagen klar hcrvor, und cs ist begreiflich, daß
ein Künstlcr wie Preller gcradc dnrch sic zu neucn
Schöpfungen angercgt wurde. Es gilt ja nicht nur
vvn der Tdyssee, daß man in ihren Versen das Ranschcn
des Mittelmceres hört; in allen diesen Hclden- und
Göttergeschickitcn sehen wir die Landschaft, in welcher
sie erwachsen sind; in den Fahrtcn der Argvnanten er-
schcincn nns die sonnigcn Buchtcn nnd die ranschenden
Felsgestade dcs Archipcls ivie die Waldthäler nnd Berg-
ströme Arkadieus nnd Thessalicns in den Kcntanren-
sagcn nnd den Abenteuern des Herakles. Untcr
dicsen vvn dem jüngercn Prcllcr ausgeführten Blättcrn
sind bcsondcrs schön die Küstenbilder mit dcn sein-
geschwungenen Bcrglinicn und der dnstigen Mecres-
sernc, sv die Bucht Vvn Jvlkos, in welchcr Athcne
beim Bau dcr Argo hilft, nnd das troischc Gestade,
an welchem Hesivnc von Hcraklcs befrcit wird, dann
dcr Blick auf'S Bkeer vom Felsen, an welchem Prv-
metheuS angcschmicdct ist, der Fluß, wclchen Nessvs
dnrchreitet nnd die Gebirgsheimat Chirvn's. — Dic
Art der Wiedergabc, durch Lichtdrnck Vvn Römmlcr
und Ionas in Drcsdcn, ist diesen zartcn Kiinstwerkcn
ganz bcsonders günstig nnd gicbt dic Gedanken des
Mcisters treu ivicder. Leider sind die Figuren nnr
selten eine crivünschte Bcigabe zu nennen. Doch sind
hiermit mcht die Zeichnungen Grosse's gemeint, unter
kenen namentlich dic erstc Kompositioiu Jasvn, die fener-
loading ...