Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 15.1880

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Korrespondenz.

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sind durchweg mit flachen Segmentbögen gebildet, eine
Konstruktion, die ja dem Backsteinbau so angemessen
stt; aber die oft unangenehme Wirkung dieser Bogen-
nrt ist durch die noble Umrahmung mit einem Roset-
tenfries und durch eine ansprechende Krönung mit einem
Kyma vermieden und in ihr Gegentheil verwandelt.

Die eine Front, nach der Klosterstraße zu, ist durch
Un über dem Eingang herausspringendes, von schönen
Sandsteinkonsolen getragenes Risalit gegliedert, das
oben unter dem Fries in eiuem gesonderten kleinen
Sympanon abschließt. Die einzelncn Geschosse sind durch
jo ein Palmettenband und ein mäßig prosilirtes Gurt-
gesinis von einander getrennt. Uuter dem Kranzgesims -
bildeu die kleinen Fenster des letzten Halbgeschosses und i
bcizwischen angebrachte inTerrakotta imitirte Sgraffitto-
Plntten eincn ganz anmuthigen Fries. Letztere ent-
hcilten Köpfe von Künstlern und die Namen: Peter
Vischer, Andreas Schlüter, Schinkel, Karl Bötticher.

Am ansprechendsten entwickelt sich die Fayade des
Äaues in der nach dem Lagerhaus zugewandten Front;
hier schiebt sich das schmale Mittelgeschoß von kleineren
Fenstern zwischen Parterre und drittes Stockwerk hin-
om, deren jedes aus eincr Reihe von vier mächtigen
Fenstern gebildet wird. Die Gefahr des Unproportio-
uirten, die hier nahe lag, ist aufs glücklichste überivnn-
s'en, zugleich spricht hier der Bau seinen Charakter, den
^er Schule mit Ateliers und Lehrräumcn aller Art,
^ufs bestimmtcste und klarstc aus. Jn der Höhe des
ersten Stockwerkcs sind als bildlicher Schmuck vier
^honreliefs angebracht, Ivclche Künstlerköpfe enthalten:
Piichelangclv, Raffael, Rubens, Holbein. Zwischen
ben Fenstern der vberstcn Reihe sind in vier slachen
diischeu, die in echtem Sgraffitto ausgeführten Bilder
^or großen Thcorctiker und Kunstlchrer angebracht:
Polyklct, Livnardo, DUrcr, zu denen dann der uns
Porlincrn speziell nahestehende Schadow kommt. Die
gcmze Fa^.ade sindet auf bciden Fronten ihren wür- j
^igen Abschluß in einem von prächtigen Konsolen ge- !
^ugcneu Geison, auf welchcm die lediglich dekorativ
^oirkende Sima mit kleinen Löwenköpfen nicht fehlt.
^ie Konsolen selbst, sowie die dazwischen besindlichcn
Kcissetten mit den Rvsetten sind ebenfalls tresfliche
^oistungen dcr rühmlichst bekannten Werkstatt von
^rnst March Söhne in Charlottenburg, welcher Berlin
^>on sv manchen Fapadenschmuck verdankt. Bei diesen
^onsolen sind interessante Bersuche gemacht worden,
Tragkraft zu prüfcn; das einzelne Stück er-
3^b eine Tragfähigkeit von fast 40 Centnern.
^or Grundriß des Gebändes isl einfach und verstän-
^gi das Treppenhaus, auf welches die Axe des Por-
icils nvrmal trifft, liegt in dem inneren Schenkel der
^oiden Arme des Baues nnd bat Oberlicht. Die Lebr-
ouiiine sind alie zweckmäßig, lustig nnk hcll.

Mit diesem Bau hat Gropius sich das letzte große
Verdienst um die Anstalt erworben und ein Denkmal
gestiftet, welches dic Erinnerung an seine erfolgreiche
Wirkung als Direktvr noch überdauern wird. Leider
haben ihn seine zahlreichen praktischen Arbeiteu genöthigt,
die Leitung der Kunstschule niederzulegen; wesscn Hän-
den dieselbe anvertrant werden wird, ijt noch nicht
entschieden. Das Andenken des bisherigen Direktors,
den wir in zwiefachem Sinne den Erbaner dcr Ber-
liner Kunstschule nennen, wird auf alle Fälle ein ge-
segnetes bleiben.

Bernhard Förstcr.

Aorrespondenz.

Venedig, im April 1880.

Wenn ich meinen Bericht aus Venedig mit der
AngelegenheitdesDenkmals für VittorioEnianuele
beginne, so geschieht dies, weil dieselbe hier in den letz-
ten Wochen vollauf alle Gemüther bcschäftigte. Noch
selten wohl hat eine Konkurrenz einen so traurigen,
wahrhaft uiederschmetternden Eindruck gemacht wie die-
jenige, welche sür die Ausführung dieses Monuments in
Scene gcsetzt worden ist. Zweiundvierzig Entwllrse
waren ciugelaufeu, welche theils in den unteren Näu-
men der Zecea, jetzt Börse, zum größeren Theile in
deu prachtvollen Sälen der ehemaligen Bibliothek von
S. Marcv aufgcstellt waren. Als die Ausstellung er-
öffnet war, erregte es zunächst allgenieinen Unwillen,
daß man einen halben Lire Eintrittsgeld erhob, da doch
dasselbe Volk, welches mit seinem guten Gelde das
Mvnument errichten will, ein Nccht hat, unentgeltlich
die Entwürse für dassclbe anzuseheu. Um so enttäusch-
ter war nun Grvß und Klein über dic Magerkeit der
Entwürfe selbst. Es würdc unendlich schwcr sein, über
dieselben einen eingehenden Bericht zu erstatten, d. h.
die einzelnen odcr auch nnr bestcn Entwürfe zu ncnncn.
Jm Publiknm herrschte im Allgemeincn die Ansicht, daß
auch nicht ein einziges Projekt annchmbar sei. Auch
die Preffe sprach dies unvcrhohlcn aus, abgesehen davon,
daß einzelnc Entwürfe so allen statischen und künstle-
rischen Nücksichten Hohn sprachen, daß das Pnblikum
genöthigt war, vst in ein helles Gelächter auszubrechcn.

Da bei den meistcn Entwürfen besondcrer Nach-
drnck auf das Pferd gelegt und dies mcist unendlich
schlecht gerathen war, so nannte der Vvlkswitz das
Ganze „l'ösposimone cköi cnvLUi." Die Gestalt des
Königs war fast bei allen Entwürsen äußerst häßlich
ausgefallen. Sie machten ihn alle noch kürzer, noch
dicker, als cr schon von Natur war. Von der histv-
rischen Verklärung eines Bildnisses hatten die wenigsten
eine Ädee. Uebrigens mnß betont werden, daß das
Auge hier in der Bcnrtheilung neuer Kunstwerke un-
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