Kunstwart und Kulturwart — 26,4.1913

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Begreift die treue Richtung meines Strebens
So in dem Liede wie im Schwerterklang.

Es schwärmten meine Träume nicht vergebens,

Was ich so oft begrüßte im Gesang,

Für Volk und Freiheit ein begeistert Sterben,

Laßt mich nun selbst um diese Krone werben.

Wohl leichter mögen sich die Kränze flechten
Lrrungen mit des Liedes flüchtgem Mut.

Lin echtes Herz schlägt freudig nach dem Rechten.

Die ich gepflegt mit jugendlicher Glut,

Laßt mich der Kunst ein Vaterland erfechten
Und gält es auch das eigne wärmste Blut.

Noch diesen Kuß, und wenn's der lehte bliebe,

Es gibt ja keinen Lod für unsre Liebe."

Aber auch im Verzicht auf ein Leben in der Kunst hat er der Kunst
ein neues Gebiet des Lebens erworben. Denn mögen seine übrigen Gei-
steskinder die Spuren der Rnreife, der leichten, tändelnden, nachahmen--
den Versschmiederei reichlich verraten, in diesem Gebiet ist er durch die
einigende Macht des Lebensopfers auch künstlerisch Meister geworden:
in der Verherrlichung des Sterbens für des Volkes Leben.

Kiel Otto Baumgarten

Emporköwmling Kino*

Mporkömmlinge, das heißt allzu rasch Emporgekommene ohne feine
»/I^Manieren und gründliche Bildung, denen es nichtsdestoweniger
^^^herausfordernd gut geht — solche Leute waren in allen ge-
sitteten Zeiten mißliebig und wenig angesehen. In unsern Tagen
aber geht es so geschwind mit der Veredelung, daß leicht schon die
zweite Generation (da die vermöglichen Emporkömmlinge ihr die
„Kinderstube" schaffen konnten) als vollwertiges Patriziertum auftreten
kann. Wird es so auch mit dem Emporkömmling Kino gehen?

Ganz so rasch, wie man heut vielfach glaubt, ist der Kino übrigens
gar nicht obenauf gelangt. Es sind jetzt fast zwei Iahrzehnte her,
seit wir in den beiden großen Berliner Spezialitätentheatern die
ersten kinematographischen Lichtbilder sahen. Die „pikante" gestellte
Szene erschien sehr bald auf der Bildfläche. Kinematograph oder
Biograph wurde in der Mitte der neunziger Iahre die unentbehr-
liche Schlußnummer aller Spezialitätenabende. Auch der „Trickfilm"
trat zu jener Zeit, namentlich in Gestalt schauerlich-komischer Geister-
und Zaubererpantomimen, bereits vor die staunenden Augen der

^ Die Arbeit ist bestimmt, den ersten Leil einer größeren Schrift
„Kino und Bühne" zu bilden, die im Herbst bei der verdienstlichen Licht-
bilderei M.-Gladbach erscheinen und außerdem die Äbschnitte enthalten
wird: „Die Bühne in Not?" und „Künstlerische Möglichkeiten des Licht-
spiels". Das Gesamtergebnis faßt sich am knappsten in dieses Schluß-
wort zusammen: „Der Kino ist vollends zu entpöbeln, die Wortbühne
endlich zu vervolkstümlichen. And beides ist möglich."

^ 2. Septemberheft ^
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