Kunstwart und Kulturwart — 26,4.1913

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diesen Nichtigkeiten beschäftigen zu müssen. Und die Zeitung erwürbe
sich ein Verdienst, der Kritiker eine Krone, der grundsätzlich erklärte,
nur nach eignem Ermessen und dann über Persönliches schreiben zu
wollen, wenn damit eine Förderung des Kunstverständnisses verbunden
ist. Darin liegt überhaupt ein Ziel, das heute so oft verkannt wird,
daß es fast verloren scheint. Die Kritik dient bewußt oder unbe-
wußt in zahllosen Fällen der Sensation und dem Geschäft, dient
auch wohl sich selbst — „Kritik um der Kritik willen" — aber sie
dient allzuselten der Kunst. Im Ganzen könnten wir die Hälfte der
heutigen Kritik ohne Schaden entbehren. Sorgfältige Analysen, Gin-
stellungen auf die Werke auch schon vor der Aufsührung, eine Tätig-
keit für das Pnblikum, nicht allein vor dem Publikum — da eröffnen
sich Hunderte von Zielen für die Reform der Musikkritik; ein Musik-
kritikerverband, der durch Beispiel, durch reformatorische Schriften,
durch grundsätzliche Selbstverpflichtung, Grstellung von Musterverträ-
gen dahin wirkte, schiene mir reiche und segensreiche Wirkung zu ver-
sprechen. Aber mit der Errichtung eines Examenjoches schwächt man
die Kräfte, die man stärken möchte. Franz Gürtler

Äber den Begriff des Malerischen*

lle Perioden der abendländischen Kunst haben bisher im Male-
VII rischen geendigt. Die antike Klassik ist malerisch geworden. Die
^d^gotische Architektur hat in der Spätgotik die Wendung ins
Malerische genommen. Wenn man Dürer und Rembrandt, Michel-
angelo und Bernini vergleicht, so sagt man auch da: die Kunst hat
sich ins Malerische abgewandelt. Ia, im einzelnen Künstlerleben
stößt man auf denselben Begriff: es scheint uns natürlich, daß nicht
nur Rubens und Rembrandt einen besonderen malerischen Spätstil
haben, sondern daß auch Cinquecentisten wie Raffael oder Tizian
sich mit zunehmendem Alter einer (relativ) malerischen Anschauung
überließen. ,

Sieht man genauer zu, so legt sich der eine Begriff des Malerischen
allerdings in einen ganzen Büschel von Begriffen auseinander. Es
ist kaum möglich, den ganzen Inhalt der Entwicklung auf eine einzige
Formel zu bringen. Was sich aber im spezifischen Sinne als malerisch
bezeichnen läßt, das möchte ich hier zunächst zu skizzieren versuchen.

I

Man wird dieses Spezifische am sichersten fassen, wenn man von
dem Gegenbegriff des Linearen ausgeht. Nicht alles, was mit
Linien gemacht ist, ist dem Stil nach linear. Es gibt reine Strich-
zeichnungen, die doch vollkommen malerisch wirken und umgekehrt
sind gewisse Gemälde, auch wenn man in Wirklichkeit keine Linien

* Dieser Aufsatz ist zuerst in der „internationalen Zeitschrift für Philo-
sophie der Kultur" „Logos" erschienen, die im Verlage von I. C. B.
Mohr (Paul Siebeck) in Lübingen erscheint. So vortrefflich diese ZeiL--
schrift ist, sie hat natürlich nur einen beschränkten Leserkreis, uns schien
es aber, daß dieser Aufsatz verdiene, von vielen gekannt zu werden.
Beantwortet er doch die Frage „Was bezeichnen wir als malerisch?" auch
sehr gemeinverständlich. K.-L.


Kunstwart XXVI, 20

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