Allgemeine Literaturzeitung: Supplemente zur allgemeinen Literatur-Zeitung — 1786/​1787

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ZUR A. L. Z. 1756.


Aber Guelfo; wo existiren Menschen , wie diese ?
Und wer dankt nicht Gott, dass solche Sturmwin-
de , wenigstens in dieser Welt , nicht wü-
then. — Ein einziger grosser Vorzug liegt in
Klingers Fabel. Seine Brüder sind nicht Brüder al-
lein, sondern Zwillinge, und es kann noch bestrit-
ten werden, wer von ihnen der Aeltere war. Die-
ser so einfache Gedanke ist zugleich einer der
glücklichsten ; ist ein wahrer Dichter - Einsall 1 Aber
unbegreissich ist es uns , warum Hr. KL ihn nicht
anders nützte , als er wirklich thut ? Warum er
ihn in der Sten Scene des 3ten Akts nicht lieber
mehr noch in Dunkelheit setzte, als erörterte?
Wie so manche Entschuldigung für seinen Helden
liess lieh hierauf noch bauen Wie so manche in-
teressante Scene hierauf lieh gründen ! Der Dia-
log dieses Stücks ist, wie Guelfos Charaker,kräs-
tig, aber rauh, stark, aber unnatürlich. Alle spre-
chen, wie der Hauptheld, und dadurch wird ein
Dialog , von Gedankenstrichen durchstiickt , und
in lauter kleinzerschnittnen Perioden. — Eine Pro-
be davon’ (S. 290.) Nur eine, so wie das Buch
selbst lieh auffchlägt. „Grimaldi, wTenn deine Sin-
„ne nicht zerrissen werden , wie meine ; wenn du
„mir nicht den tobenden Sturm unterbriillen
„hilfst — Grimaldi! ich muss! ich muss ! Das
„Schicksal sprachs aus , ich muss ! Blutig
„schwingt der Todesengel das würgende Schwerdt
„über mich , und berührt meine Seele ! Ent-
„schluss ist da , Vollbringen ist da ! Alle gute
„Geister hiilten ihr Haupt ein, und weinten eine
„Zähre über den verdammten Guelfo. ich muss!—
,,Grimaldi! wenn ich nicht müsste. Im Sturme
„Lausen böse Geister: Guelfo, du musst!
„Grim. Was denn, Guelfo P Um Gottes willen J
t,Guelso. Nenn ihn nicht!
„Grim. Guelfo! lass mich sterben!
„Guelfo. Grimaldi soll nicht sterben. Wenn
,,du mir stirbst, Grimaldi, sollst du dort Juliet-
„te nicht sehen.
„Grim. Behüte Guelfo ! So red’doch!
,,Guelfo. Ich hab’nichts, als ein bischen Wuth!
„Sieh, wie ausgestossen Guelfo dasteht! Grimal-
„di! Morgen ist Hochzeit; ich soll der Knabe seyu,
„der die backel trägt. — Hymen! Hymen! Auch
„ich ruse : Hymen ! Ich will ein Hymen posau-
„nen, dassTodte sich umwenden, •— dass die Son-
„ne nie mehr wage , mit Heiterkeit aus ihrem
„goldnen Gezeit zu schauen! Denn Guelfo wird
„ein blutiges Brautlied singen, Nicht so bleich,
„Grimaldi ! Ich schwärme nur. etc.
Wer spricht so in der Natur ? Und wer mag
die Ausrufszeichen zu zählen , deren in dieseri
104 Seiten wenigstens ein paar Tausende sich fin-
den? —■■ Hätte Hr. Kl. dies Stück zu den Zeiten
bearbeitet, wo er seinen Konradin schrieb, so hät-
ten wir gewiss ein gutes Drama mehr, itzt haben
wir nur ein Gemälde tobender Eantasey,

Das dritte Stuck ist ein Lustspiel, auch hier
nur wieder neu abgedruckt, die salschen Spieler
betitelt. Stände nicht ausdrücklich bey diesem Lust-
spiel, dass es schon i”go sertig gewesen sey, so
hätten wir Lust zu muthmassen, dass den ersten
entfernten Gedanken dazu die Schillerischen Räu-
ber gegeben hätten. Hier und dort ein von sei-
nem Vater verkannter ,. gleichsam ausgestossner
Sohn : hier und dort ein heuchlerischer jüngrer
Bruder, der Briefe unterschlägt , und den abwe-
senden Vater verleumdet; hier und dort ein laster-
haftes Gewerbe, das der ausgestossne wählt, und
auch in solches noch seinen angebornen edlen Cha-
rakter , vorzüglich die sogenannten fanguinifchen
Tugenden, überträgt ! — Uebrigens halten wir
dies Stück für eines der besten von der Klingeri-
sehen Muse. Die Charaktere haben Mannichfaltig-
keit, Interesse > und (was so seiten bey diesem
Dichter ist!) JFdhrheit. Die Eabel ist gut gesührt,
leicht geknüpst und unterhaltend ; der Dialog sast
immer ungekünstelt, und doch edel. Stahls und
Brauns ächt komische Charaktere sind zwar nicht
neu, aber pasfend für ihren Standpunkt und wir-
kend im Ganzen. — Kurz am ganzen Stück mis-
fällt uns nur ein einziges, und das ist — der Schluß.
Recensent liebt nichts weniger , als die raschen
Theater - Bekehrungen ; er erkennt es auch als ei-
nen Zug, aus der Natur selbst geschöpft, dasskei-
ne Leidenschaft schwerer Abfchied nimmt, als Lie-
be zum Spiel. Aber wenn ein zwar verirrter, im
Grunde aber noch edelmüthiger Jüngling, endlich
doch seinem Vater, seinem Mädchen, seiner Schwe-
ster und seinem Freunde nachgegeben, und seiner
bisherigen Lebensart eintsagt hätte, so wäre dies
gewiss eben so befriedigend , und bey weiten nicht
so romantisch gewesen, als dass er jetzt in einem
Duell lahmgcßochen , gerade fo lahmgestochen wer-
den muss, dass er nicht mehr filiren kann. Wir
sprechen hier nicht nach unserm Gesühl allein, son-
dern alle, die wir bisher unpärtheyisch über dies
Lustspiel urtheilen hörten , klagten über diesen fünf-
ten Akt, so stark, wie wir; und desto aufrichtiger
ist der Wunsch, dass in Betracht diefes Lustspieis we-
nigstens Hr. Kl. bey einer künftigen Aussage von sei-
nem Pilatischen Grundsatze: Was ich geschrieben ha-
be, habe ich geschrieben! abgehn möge.
Ilter Theil. Der Schwur, die neue Arria, Sturm
und Drang. 1786. 372 S. (20 gr.)
Kürzer, als beym ersten Theile, werden wir bey
diesem zweytens uns rassen können. Die zwey letztem
Stücke desselhen, die Arria so wohl, als Sturm und
Drang, sind bekanntermassen Jugend - Verssuche des
Dichters. Sehr significativ ist der Titel Sturm und
Drang, und das Stück selbst hält, was sein Titel ver*
spricht. Mehr Lärmen wird man wohl schwerlich iii
einem Drama des letztem lärmvollen Dezenniums
auf deutseher Bühne finden. Gehandelt wird desto
minder. Immer drohen die Helden sich wechselsseits
zu morden, und doch bleiben sie fämmtlich beym Le-
P 2 fren.
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