Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 10.1894-1895

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Theodor Horschelts Erlebnisse vor ^traßburg (;870). — IVeihnachtsbücherschau. 59

montiert. Schwaches Chassepotfeuer, während aus dem
Hauptwalle schon der Anfang der Bresche zu bemerken
ist. Das germanische Museum in den Laufgräben.
Abends ein dummer Spion eingebracht, der eine unserer
Schildwachen zu erdrosseln versuchte."

Am 24. September: „Ritt zum Ballon; Füllung
desselben; schlechtes Resultat: er geht aus dem Leim
und legt sich auf die Seite."

Am 25. September: „Nachmittags wieder auf
Werk 53. Vorerst die Bekanntschaft mit Kingston ge-
macht. In der Nacht Ausfall der Franzosen. Dem
General das eiserne Kreuz. Prinz Wilhelm von Baden
spendiert Champagner."

„Morgens den 26. September allein mit Husar
fortgeritten; in den Trancheen gearbeitet. Feuer gering.
Nachmittags nach Kehl-Rupprechtsau. Spät nach Hause.
Grog."

Den 27. September: „Aus Müdigkeit zu Hause
geblieben. Nach Tische Brief Uhrichs an den General
von Werder: »4-e druck court <gue vous etes raslacks

je seruis tres lacke si c'etait viai l« Großes Erstaunen
über diese Teilnahme! Abends halb sechs Uhr: Lärm
und Bewegung auf der Straße. Ich laufe hinunter.
Grolmann stürzt mir entgegen: Weiße Fahnen auf dem
Münster!"

Den 28. September: „Grolmann kommt morgens
fünf Uhr nach Hause: 400 Offiziere, 17 000 Gefangene.

Halb zehn Uhr reiten wir aus. Kapitulation. Zug
der Gefangenen; schlechte Disziplin derselben, Zerschlagen
der Gewehre, die Franzosen betrunken."

Den 29. September: „Nach Straßburg geritten.
Dann bei Prinz Wilhelm von Baden, viner L c^uatre."

Am 30, September: „Großer Einzug des Generals
in Straßburg. Gregorovius gesehen."

Damit schließen die Aufzeichnungen unseres Künstlers,
welcher nach München zurückeilte und unverweilt daran
ging, die frischen Eindrücke künstlerisch zu gestalten. So
entstanden die vorgenannten Aquarelle. Auch ein großes
Bild über den Einzug der Truppen in München bereitete
er vor. Außerdem beschäftigte ihn ein neues, großes
Bild aus dem Kaukasus, wie nach der Plünderung eines
Auls die Weiber ihre gefangenen und gefallenen Männer
besuchen und beweinen. Ehe jedoch nur die Karton-
zeichnung vollendet war, erlag der Künstler der heim-
tückischen Diphtheritis, die sich ihm von seinem fünfjährigen
Söhnchen Fred übertrug. Das Kind folgte dem Vater
sechs Tage später ins Grab. Am 14. Mai 1874 ver-
schied zu Bozen sein Töchterchen Nelly an derselben
Krankheit.*)

*) Vgl Theodor Horschelt, s. Leben u. seine Werke.
München 1876 bei vr. Albert und Nürnberg bei Soldan.
149 S. gr. 4". — Th. Horschelt, ein Künstler-Leben und
-Schaffen. Bamberg 1899. (20. Bd. der Bayer. Bibl.) —
Fr. Pecht, Geschichte der Münchener Kunst im neunzehnten
Jahrhundert. München 1888. S. 229.

ZVeikingchtDücherschZu.

vom Herausgeber.

ann man die Ursprünge unserer gesamten neudeutschen Malerei
auf zwei große Meister zurückführen: Menzel und Böck-
lin, so müssen wir auch diesmal, wie im vorigen Jahre unsere
Revue mit dem letzteren eröffnen. Nur daß wir jetzt den zweiten
Teil seines Werkes zu besprechen haben, der eben erschienen ist.*)
Derselbe bildet eine höchst willkommene Ergänzung des bekanntlich
epochemachenden ersten, da er, in der Hauptsache aus späteren
Bildern des Meisters bestehend, uns die hochinteressante Weiter-

*) 40 Photogravüren in Ganzlederband oder Ganzledermavpe. Ausgabe
vor der Schrift (in 75 numerierten Exemplaren hergeftellt) 200 M Ausgabe
mit der Schrift 100 M. München, Photographische Union.

bildung dieses großen Genius zeigt. Da fällt einem denn gleich
beim ersten Durchblättern nichts jo sehr auf, als wie dieser größte
Idealist unter unseren Künstlern doch so merkwürdig national,
ja so spezifisch schweizerisch sogar sei, wie nie ein Künstler vor
ihm. Zeigt das gleich sein köstlich derber Kopf als Titelblatt, so
steht er hier ganz auf gleichem Boden mit dem auch von ihm ge-
malten Gottfried Keller, dem unzweifelhaft größten schweize-
rischen Dichter, obwohl Böcklin doch einen so ganz verschiedenen
Stoffkreis hat, in dem die Schweiz bekanntlich nur selten vorkommt.
Freilich muß man, um das alles herauszufinden, die Schweizer
genauer kennen, als dies bei den meisten Deutschen gewöhn-
lich der Fall ist, die von denselben in der Regel nicht
mehr wissen, als man etwa in Alters köstlicher
„Hochzeitreise in die Schweiz" zu sehen kriegt: d. h.
die Gastwirte und Kellner. Diese bekommt man aber
bei unserem Maler als Tritonen und Faune, obgleich
auch da immer noch sprechend ähnlich, zu schauen. Hat
man aber auch noch die mit Pariserinnen unter keinen
Umständen zu verwechselnden Schweizer Frauen kennen
gelernt, so wird man in unserem Band oft aufschreien
vor Vergnügen, wenn man sieht, wie naiv unbefangen
und glücklich der Maler diese „Appenzeller Maitelis"
in Nymphen, ja selbst die Madonna mit ihrem Divino
Bambino in eine echt zürcherische „Mueter" mit ihrem
Buben verwandelt hat. So könnte etwa die „Frau
Salander" ausgesehen haben! Auch die „Sorge und
die Armut" sind echte Schweizerinnen, wie die köstliche
„Freiheit", hinter der man sogar die Gletscherwelt aus
dem Frühnebel austauchen sieht. — Kurz, 'alle seine
Frauen sind so wahrhaftige, nicht immer graziöse, aber
durchweg tüchtige Helvetierinnen, als die Frauen des
Rubens Flamänderinnen. Daher stammt denn auch
die grenzenlose Lebenskraft all dieser Bilder, denn diese
kommt eben nur dem zu, was einen wahrhaft natio-
nalen Boden hat. Der lange Aufenthalt unseres
Künstlers in Italien zeigt sich eigentlich nur in seinen

Skudir. von Jul. Adam.

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