Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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VON DER MODERNEN KUNST

AUF DER

Von E. N.
(Schluss v.

Noch in einer anderen Hinsicht könnte die
französische Ausstellung uns Deutschen,
aber nicht sowohl den Künstlern, wie dem
Publikum eine gute Lehre geben: welch be-
deutender Bruchteil dieser dreitausend Werke
ist in staatlichem oder kommunalem Besitz,
entweder direkt von einer Behörde bestellt
oder doch als fertiges Werk angekauft, und
welche Rolle spielt das Porträt, die eigent-
liche Domäne für den Privatbesteller! Man
denke sich unsere grossen deutschen Bundes-
staaten, in solcher Fülle die Provinzialmuseen
mit neuen Kunstwerken ausstattend; man denke
sich Hauptstädte wie München, die soi-disant
Kunstmetropole, oder Berlin, die Stadt der
kunstkritischen Vernunft, als Herrinnen und
Mehrerinnen einer solchen Sammlung von
Kunstschöpfungen, wie die Stadt Paris sie
in ihrem Hotel de ville vereinigt, in ihren
Mairien und auf ihren öffentlichen Plätzen
und Anlagen verstreut hat! Die Parallele
dünkt jedem guten Deutschen ganz utopisch;
brauchte sie das zu sein? Zeigt nicht das
Beispiel Hamburgs, dass auch auf deutschem
Boden manches an rationeller Kunstpflege
möglich ist? Schon der dynastische Ehrgeiz
unserer Monarchien, die Loyalität unserer
„guten und getreuen" Residenzstädte sollte
nicht den Argwohn aufkommen lassen, als
sei dergleichen das Vorrecht von Republiken
und freien Städten. — Und unsere private
Kunstpflege und Kunstgönnerschaft, sie möge
sich von den Franzosen belehren lassen, dass
die Photographie durchaus nicht den Tod der
Bildnismalerei zu bedeuten braucht. Selbst
der bescheidenste, scheinbar durchs Lichtbild
am meisten gefährdete Zweig der Porträt-
kunst, das Miniaturporträt, gedeiht bei unseren
Nachbarn weiter und setzt immer noch manche
recht hübsche Blüte an, die trotz ihres kleinen
Umfangs ein grösseres Kunstwerk sein kann,
als die lebensgrossen, totretouchierten und zu
einem Scheinleben wieder aufaquarellierten
Photographien unserer modernen Ahnen-
galerien über dem Sofa im Familienzimmer.

Wenn die Zehnjahr-Ausstellung schon für
die französische Malerei keine Synthese be-
deutet, so noch viel weniger für die Plastik.
Hier kam noch als erschwerender Umstand
dazu, dass in dem ungeheuren Lichthof des

.RISER WELTAUSSTELLUNG

Pascent
Seite 76)

(Nachdruck verboten)

Grand Palais Werke aus aller Herren Länder
aufgestapelt waren. Ein ungeheurer Güter-
schuppen, in dem das „Sperrgut" bedenklich
überwog; ein Chaos, in dem nur ein Natur-
gesetz zu walten schien: Je grösser an Um-
fang, je leerer an Inhalt. Dass noch in diesem
wüsten Durcheinander die Franzosen Sieger
blieben mit Rodin's „Kuss" und Bartho-
lome's grossem Toten-Monument für den
Pere Lachaise, ist ein wahrer Triumph ihrer
Plastik. Einige deutsche Meisterwerke, so
mehrere Büsten Hildebrand's, Tuaillon's
Amazone, hatten teils in der deutschen Kunst-
abteilung, teils in den Räumen des Kunst-
gewerbes, teils im Park rettende Unterkunft
gefunden.

Die deutsche Kunstabteilung! So schwer
es dem deutschen und dem Münchener Be-

EMIL KIEMLEN ELEGIE

(Zu.n Aufsatz „Von Stuttgarter Kunst")

Die Kunst tur Alle XVI.

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