Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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PERSONAL- UND

ATELIER-NACHRICHTEN

r\ÜSSELDORF. Ein neues Gemälde von Eduard
von Gebhardt ist immer ein Ereignis im
Kunstleben. Sein jetzt hier bei Ed. Schulte aus-
gestelltes Bild >Verba magistri« findet wieder ein
grosses und allgemeines Interesse. Das Bild ist
von ehemaligen Schülern dem von Köln an die

james sant „a fair disputant'

Universität zu Bonn berufenen Geheimrat Professor
Dr. Oscar Jäger in dankbarer Gesinnung verehrt
worden. E. von Gebhardt hat ein ähnliches Thema,
wie in diesem Bilde, in seinem bekannten älteren
Bilde i Religionsgespräch« behandelt. Auch an ein
anderes vorzügliches Bild, seine i Klosterschüler«
erinnern die Typen der beiden Jünglinge, welche
wie auf dem jetzt vollendeten Bilde des Meisters
sich in jugendlich-stürmischen Eifer Unterweisung von
ihrem Lehrer, einem ehrwürdigen, alten Magister
erbitten sehen. Dem Zweck dieses Bildes, das
dankbare Schüler ihrem verehrten Lehrer stiften,
entsprechend, hat E. von Gebhardt sinnreich diesen
Vorwurf gewählt und er hat denselben in gewohnter
Weise geistreich und eindrucksvoll behandelt. Die
Darstellung ist ungemein lebendig. Man glaubt
den eben zum Jüngling gereiften Knaben, der mit
einer bezeichnenden Gebärde eindringlich seinen
Lehrer befragt, reden zu hören. Es ist vorzüglich
zum Ausdruck gebracht, wie der Fragende den ehr-
würdigen Meister um Belehrung und Aufklärung,
um überzeugende Unterweisung bittet. Wenig Malern
ist es gegeben, den Ausdruck eines Redenden oder
Fragenden so ausdrucksvoll, so lebendig darzustellen,
wie E. von Gebhardt dies vermag. Man braucht
nur an sein Abendmahl, an die Auferweckung des
Lazarus, an den reichen Jüngling u. s. w. zu denken.
Ebenso gelungen wie diese Figur ist auch diejenige
des zuhörenden Kommilitonen des Fragenden, eine
ganz individuelle, fesselnde Gestalt. Dies ist wohl
mehr eine in sich gekehrte, weniger temperament-
voll sich äussernde Natur, wie sein beredter Schul-
genosse. Ein prächtiger Charakterkopf ist der alte
ehrwürdige Magister, der mit grossem Interesse dem
stürmischen jugendlichen Frager zuhört, den Kopf
nachdenklich auf die Hand gestützt. Nur ein Meister
wie Gebhardt, ein so feiner Menschenbeobachter
und Seelenkenner vermag einen Kopf von solch
intensiv seelischem Ausdruck zu malen. In dieser
Art von Schilderungen um die Zeit des sechzehnten
Jahrhunderts, der Reformationszeit, steht Gebhadt
einzig, unübertroffen da. Man könnte sagen, er
spricht den Dialekt jener Zeit wie kein anderer.

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