Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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THEODOR ROBINSON

AM KANAL

Wenn man im „Grand Palais" der Pariser
Weltausstellung in den Sälen weilte,
die den Vereinigten Staaten zugeteilt waren,
fühlte man sich wieder einmal vor die Frage
gestellt, ob die Bevölkerung dieser grossen
Republik eine Nation im Sinne der alten
europäischen Kulturnationen bilde und ob
man demnach von einer nationalen nord-
amerikanischen Kunst reden könne. Theo-
retisch Hessen sich wohl beide Teile dieser
Doppelfrage verneinen, besonders wenn man
auf den Zusatz „im Sinne der alten europäi-
schen Kulturnationen" Nachdruck legte; aber,
practically spoken, war die amerikanische Ma-
lerei eben doch da, so sicher und unwider-
leglich, wie es eine Nation der Vereinigten
Staaten giebt, die uns, „den Kontinent", ihre
Existenz schon recht kräftig fühlen lässt.
Die Gleichheit der wirtschaftlichen Interessen
und die „werbende Kraft" des Angelsachsen-
tums haben aus so verschiedenen nationalen

HE MALEREI

(Nachdruck verboten)

Bestandteilen eine neue Volksindividualität
geschaffen, die nicht nur in geistigen Zügen,
sondern sogar schon im leiblichen Habitus
bestimmte Rassen-Eigentümlichkeiten zu ent-
wickeln beginnt. Wenn wir schon seit langer
Zeit im Herzen Europas ein kleines Staaten-
gebilde haben, das drei verschiedene Natio-
nalitäten in unlösbarer politischer Einheit um-
schliesst, warum sollen wir uns gegen das
Novum einer Nation sträuben, zu deren be-
stimmenden Eigenschaften eine gewisse In-
ternationalität gehört? Und wenn die Kunst
dieser Nation dieselbe Eigenschaft aufweist,
sollen wir ihr darum den Charakter einer
nationalen Kunst völlig absprechen? Weil so
und so viel amerikanische Künstler in der
ersten oder zweiten Generation noch von
Eingewanderten abstammen und weil so und
so viel dieser amerikanischen Künstler für
ein paar Lehrjahre oder zu dauerndem Aufent-
halt wieder nach Europa herübergekommen

I>ie Kunst für Alle XVI. 12. 15. Marz 190t.

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