Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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WILHELM LEIBL

Persönliche Erinnerungen von Otto von Leitgeb

(Nachdruck verboten)

Der Tod des grossen Meisters, des idealsten in der Lust an der eigenen, ganz ungewöhnlichen
Naturalisten aller Maler der Gegenwart, hat Körperkraft, überall angepackt und mitunter auch die
naturgemäss auch das Interesse an seiner Per- gröbsten Arbeiten gemacht haben. Aber schon hier
sönlichkeit wieder wachgerufen, oder richtiger — dürfte er dies oder jenes, vielleicht ornamentales,
erst sein Tod hat es überhaupt wachgerufen. Denn gezeichnet haben, wenn's ein Arbeitsstück erforderte,
fast vom ersten blendenden Erglühen seines Sternes denn nach seiner eigenen Aeusserung waren es
an hat Leibi seine Persönlichkeit in einer so merk- zuerst seine jetzigen Kameraden, die Gesellen, die
würdig weltscheuen Art den Augen seiner Zeit- bei einem derartigen Anlasse meinten, er hätte wohl
genossen entzogen, dass es nur wenige giebt, die besser gethan, einen andern Beruf zu wählen! —
von ihm erzählen können. Dazu kommt, dass er Thatsache ist, dass Wilhelm Leibi eines Tages in
auch im Verkehre mit Freunden wortkarg war und berusstem Arbeitskittel ein Handwägelchen, mit
besonders schwer war es, ihn zu Aeusserungen über Eisenzeug beladen, des Weges zog, als ihm sein
seine Kunst zu bringen. Auch den wenigen stehen alter Zeichenlehrer—Bourtelle hiess dieser wackere
deshalb nur geringe Bruchstücke zur Charakteri- Mann — begegnete und ihm erstaunt zurief: »Ja,
sierung dieser Künstlernatur zu Gebote, einzelne Wilhelm, was machst denn du? Worauf ihm der
Linien, wie sie da und dort verstreut, jetzt, nach Jüngling von seinem Ergehen erzählte. Der alte
seinem Ende, der Oeffentlichkeit übergeben werden. Herr schüttelte den Kopf und rief: Aber du wirst
Es steht mir nicht zu, über Leibis Kunst zu dein Lebtag doch nichts anderes als Maler! Leibi
sprechen, die dies wie vielleicht keine andere für meinte, sein alter Lehrer habe daraufhin wohl mit
sich selbst thun muss, weil ihre stolze Wahrheit den Eltern Rücksprache gepflogen. Jedenfalls hat
jedem Kommentar des Kritikers im gleichen Masse er schon in kürzester Zeit den Schlosserkittel wieder
sich entzieht wie die Natur selbst. Aber ich kann ausgezogen und ist nach München an die Akademie
vielleicht aus meinen Erinnerungen einige Züge bei- gegangen. Und im Hause desselben alten Lehrers
bringen, die sein persönliches Wesen
mit zu charakterisieren vermöchten.
Die Aeusserungen, die ich als von ihm
gethane hier anführen werde, sind aufs
Wortgetreu ebensogesprochen worden.

Nur um vorerst den Irrtum zu zer-
streuen, als wäre Leibi so ganz ohne
Schulbildung und aus rohem Hand-
werk heraus unvermittelt zur Kunst
gegangen — ein Irrtum, der jetzt zähe
wiederholt zu lesen ist — hier in
Kürze einige biographische Angaben.
Sein Vater war ein Rheinpfälzer und
früh nach Köln gekommen, wo er
sich mit einer Kölnerin verheiratete.
Er war übrigens nicht Organist, wie
es vielfach heisst, sondern Dom-
Kapellmeister, und soll ein feiner
Künstler von tiefem Musikverständ-
nisse gewesen sein. Da er über acht-
zig Jahre alt wurde, hat er den ersten
Ruhm des Sohnes wohl noch erlebt;
in den Jünglingsjahren indessen mag
ihm dieser manche Schwierigkeit be-
reitet haben.

Wilhelm Leibi wurde am 23. Ok-
tober 1844 zu Köln geboren. Nach
der üblichen Vorbereitung kam er dort
aufs Gymnasium und schlug sich mit
Ach und Krach, stets von den zweifel-
haftesten Zeugnissen begleitet, durch
mehrere Klassen durch. In Unter-
Sekunda aber ging's gar nicht mehr.
Auch die gutmütigen Zureden seines
alten Zeichenlehrers, eines emigrier-
ten Franzosen, halfen ihm nicht weiter,
und er musste das Studium aufgeben.
Nun verriet erNeigungzu irgend einem
mechanischen Beruf und trat als Lehr-
ling in eine grössere Feinschlosserei.
Natürlich wird er als solcher, um beim «« im Besitz von Frau ««angelika von einem

Anfange zu beginnen, und gewiss auch Levi-Fiedler in München drachen bewacht (is73)

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