Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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Staatliche Museen

« Im Besitz der bildnis der frau böcklin

Familie Böcktin

BERLINER AUSSTELLUNGEN

A ngenehme Erinnerungen an die Exposition Cen-
*"* tennale des Beaux-Arts der Pariser Weltaus-
stellung erweckte die Vorführung einer Reihe von
Bildern Honore Daumier's, den man als Maler
eben dort schätzen gelernt hatte, im Salon Cassirer.
Man fand sogar zwei Hauptstücke von der Centen-
nale hier, den Amateur , der in dem engen Zimmer
eines Kunsthändlers eine an die Wand geheftete
Rötelzeichnung betrachtet, und jenes groteske
• Drama in einem Vorstadttheater, dessen hell-
erleuchtete Bühne mit den heftig tragierenden
Mimen man, einmal gesehen, nicht wieder vergisst.
Beide Bilder waren nebst mehreren anderen von dem-
selben Künstler den rührigen Leitern des Salons von
Mr. Viau, dem glücklichen Besitzer, für Berlin an-
vertraut worden. Der Charakteristik, die Hugo von
Tschudi im Beginn des lauf. Jahrg. der K. f. A.-
(Heft 1, Seite 12) in seinem schönen Aufsatze 'Die
Jahrhundert-Ausstellung der französischen Kunst
von Daumier gegeben hat, ist höchstens hinzuzufügen,
dass der Maler Daumier sich von dem Zeichner
nicht wesentlich unterscheidet, dass man ihn sich
vor allen Dingen nicht als Koloristen vorstellen
möge; denn wie in seinen Zeichnungen arbeitet der
Künstler auch in seinen Bildern nur mit dem Gegen-
satz von Hell und Dunkel. Das Malerische in beiden
Aeusserungen liegt mehr in der Durchführung einer

Lichtidee als im eigentlich Farbigen. Das machte
sich in dieser Berliner Ausstellung noch bemerk-
barer als in der Pariser, wo man vor allem die
Fähigkeit Daumiers, Bewegungen wiederzugeben,
bewundern musste. Hier trat auch das karikatu-
ristische Element zurück gegen Naturstudien, die der
Künstler im Cafe, in Kneipen, in Ateliers gemacht
und die bald Maler und Graveur , bald Im Cafe ,
Politik , Im Theater; oder Beim Bildhauers be-
titelt waren. Im wesentlichen stellten sie fast sämt-
lich Lösungen des gleichen Problems vor: Wie ein
menschlicher Kopf, in den Weg des Lichtes gestellt,
durch dessen Wirkung in einfachster Weise zu charak-
terisieren ist. In einigen Fällen ist Daumier dabei zu
Leistungen von fast Rembrandtscher Kraft gelangt.
Der grosse monumentale Zug in Daumiers Kunst,
der unzweifelhaft auf Millet gewirkt hat, kam hier am
deutlichsten heraus in dem Bilde Pierrot , wo man
diese lustige Person mächtig wie einen der Ewigen
mit einem Kerl in Rot und einem halbnackten
Kumpan in einem Cabaret sitzen sieht.

In Schuttes Salon steht die erste Ausstellung dieses
Jahres unter dem Zeichen schottisch-englischer Kunst.
James Guthrie leuchtet mit einigen seiner vor-
nehmen Porträts als Sonne in dieser Vorführung.
Er ist wirklich einer von den grossen Bildnismalern,
obgleich er sich nicht immer auf seinerhöchsten Höhe
zeigt, aber er hat hier eine -Dame in Grau-, nicht
jung, nicht schön, nicht geistvoll, der er durch den

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