Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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FRITZ TH AU LOW WINTERNACHT IN NORWEGEN

NORDISCHE KUNST IN PARIS 1900

(Nachdruck verboten)

Kleinere, etwas ausserhalb des grossen Welt- dieser national zwiespältige Homunculus aus
getriebes wohnende Nationen haben vor der Retorte moderner Staatenbildung und
den grossen Völkern, die mitten im inter- konstitutioneller Ueberweisheit.
nationalen Wettbewerb und Austausch stehen, Aber während man auf die holländische
ausser manchen andern Dingen, die sie, je Kunst, wo und so oft sie auch auf inter-
nach dem Masse ihrer Tüchtigkeit, zu ihrem nationalen Ausstellungen erscheinen mag,
Vorteil oder Nachteil wenden können, dies immer wieder die Zeilen anwenden darf:
Eine unzweifelhaft voraus, dass es ihnen „Was Neues hat sie nicht gelernt, singt alte
leichter als jenen gemacht ist, sich eine liebe Lieder", haben drei andre germanische
geschlossene, einheitliche Kultur zu schaffen Nationen gleich drei auf einmal — in
oder zu bewahren. Auch das immerhin nach ihrer Kunst den Reiz des Neuen, den Zauber
dem Masse ihrer Tüchtigkeit und der ihrem jugendlicher Frische noch nicht verloren, ja
Stamme innewohnenden Triebkraft: während ihn erst in der Entwicklung der letzten Jahr-
das kleine, entlegene Portugal in seiner Kunst zehnte recht gefunden (denn den Kulturvölkern
nur einen wertlosen und unindividuellen Annex geht es nicht anders wie gebildeten Menschen :
zur übrigen südromanischen Kunst darstellt, auf die Zeit der Kindheit und ersten Jünglings-
hat das zwischen zwei grosse Kulturländer jähre folgt meist eine unjunge, altkluge, bücher-
eingeklemmte Holland sich ein eigentümliches, weise Periode, die man überwinden muss,
sympathisches Gepräge zu erhalten gewusst — um zu der rechten Blüte und Reife der selbst-
eigentümlicher noch und sympathischer, als bewussten Persönlichkeit zu gelangen). Und
das an Individualitäten und in der Summe des was bei jenen Dreien zu der Neuheit und
Gesamtschaffens vielleicht reichere Belgien, Frische noch als besonderes Element hinzu-

Die Kunst für Alle XVI. 14. • 15. April 1901.

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