Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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FRITZ VON UHDE'S NEUESTES WERK

TRs wäre unnötig, auf die charakteristische
Erscheinung F. v. Uhde's zurückzugreifen,
dessen künstlerische Auffassung, malerische
und technische Qualitäten so vielfach schon
an dieser Stelle gewürdigt worden sind, wenn
nicht ein bedeutendes Moment in der Weiter-
entwicklung seiner Lebenswerke hinzuge-
kommen, ein Wendepunkt in seinem Schaffen
eingetreten wäre. Indem Uhde Vorjahren ein
neues Gebiet betreten, das mehr im Inhalt-
lichen als im Technischen beruhte, obgleich
er auch hier sich zu einer breiten grossen
Vortragsweise weitergearbeitet, bricht er in
neuester Zeit einfach mit der Malerei religiöser
Stoffe und lässt, was er früher an religiösen
Bildern malte, als Abschluss einer Zeitperiode
gelten. Der immer weiterstrebende Künstler
empfindet vielleicht selbst die in der modernen
Zeit sich jeder religiösen Kunst entgegen-
stemmenden Gewalt und ohne sich jetzt noch

(Nachdruck verboten)

um Stoff oder Gegenstand zu kümmern, malt
er das, was das Auge ihm reizvoll und
malerisch erschauen lässt. Vielleicht brachte
das neue Thema der Zufall mit sich, auf
jeden Fall ist „Die Ruhepause im Atelier" die
Ueberleitung zu einer neuen Phase Uhde'scher
Kunst. Mit diesem Werke wird so manches
Vorurteil schwinden über den seltsamen, merk-
würdigen Künstler, dem auch die Gegner nicht
vorwerfen können, dass er es mit der Kunst
nicht ernst genommen und weil er von so
grosser Bedeutung für unsere heutige Kunst ge-
worden, ist es notwendig, ihn abgesondert von
der Menge zu betrachten, denn in irgend ein
ästhetisches Schubfach lässt Uhde sich nicht
unterbringen, wie überhaupt keine ausge-
sprochene Persönlichkeit; eine solche will
vielmehr für sich, nicht in der Massenbe-
sprechung von hundert anderen genannt sein,
weil sie weniger kritisch behandelt als ver-

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