Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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DER AESTHETISCHE GENUSS AM BAUWERK

Von Adelbert
(Schluss vo

Wenn so in der Raumgestaltung der eigent-
liche Ausfluss der Künstlerseele zu
suchen ist, so bietet doch die greifbare Darstel-
lung des künstlerischen Grundgedankens dem
Meisterweiteren Anlass zurBethätigungseines
künstlerischen Seins. Die Lösung dieser
Probleme, die keineswegs rein technischer
Natur sind, muss also weiter beim Schauen in
Betracht gezogen werden, um das Wesen der
architektonischen Schöpfung zu begreifen. Es

MAX LIEBER MANN pinx.

handelt sich im wesentlichen um folgende vier:
Zunächst spricht bei der Begrenzung des
Raumes die Künstlerseele mit. Schon bei
der Begrenzung nach der Breite und Tiefe,
die technisch geringe Schwierigkeiten bietet,
kommt es sehr darauf an, ob durch die Art
der Mauergliederung das Auge des Be-
schauers mehr oder weniger stark nach
einer bestimmten Richtung (nach der Tiefe,
nach oben, nach dem Zentrum der An-
lage etc.) hingerissen werden soll. — Weit
wichtiger ist aber die Begrenzung des Raumes
nach oben, also die Bedachungsfrage. Wenn
auch fraglos das Gefühl der Raumbegrenzung
nach oben ohne feste Decke hergestellt wer-

matthaei-Kiel
Seite 112)

(Nachdruck verboten)

den kann, so geht doch das Streben des
Künstlers aus naheliegenden Gründen auf
Herstellung einer monumentalen, dauernden
Bedachung. Zu dem Zwecke teilt er sein
ganzes Werk in Lasten und Stützen. Das
Ringen beider miteinander verleiht dem Stein-
werk Leben. Die Stützen, die ja auch Lasten
sind, scheinen emporzuwachsen und sich dem
Drucke entgegenzustemmen. Mit Recht hat
Lotze gesagt, dass die Baukunst damit an ein
allgemeines Schicksal erinnere: die Macht der
Schwere, deren Streit mit aufstrebenden Ge-
walten in ihr zum Ausdruck kommt. Aber
ebenso recht hat auch Schmarsow, wenn er
Lotze bestreitet, dass mit der Lösung dieses
Problems das Wesen des architektonischen
Kunstwerkes erschöpft sei. Aber bedeutsam
bleibt es. Denn man kann das Verhältnis
zwischen Last und Träger in der mannig-
faltigsten Weise darstellen. Man kann den
Kampf mehr oder weniger offen zeigen. Man
kann die strebenden Kräfte für unser Gefühl
die Lasten weit überwiegen lassen, oder man
kann eine Harmonie zwischen beiden her-
stellen und diese wieder derart, dass der
Gegensatz beider Funktionen deutlich her-
vortritt, oder aber, dass die eine in die andere
verwebt erscheint, wie in der Eisenkon-
struktion. Und jede dieser Lösungen redet
in besonderer Weise zu unserem Gemüt.

Ein zweites Problem, dessen Lösung von
nicht geringer Bedeutung für die Klärung
unserer Raumvorstellung ist, bildet die Licht-
zuführung. Es handelt sich darum, bei voller
Zweckmässigkeit der Beleuchtung, die Vor-
stellung des geschlossenen Raumes im Gegen-
satz zur Aussenwelt nicht verloren gehen zu
lassen. Reiches Licht stimmt heiter, zu
volles aber berührt leicht frostig und unbe-
haglich, eben weil wir den Widerspruch
empfinden, dass wir im geschlossenen Räume
sind und doch eine merkliche Lichtabnahme
nicht spüren. Geringes Licht wirkt leicht
düster und unheimlich. Reiche Lichtzufüh-
rung bei weiten Oeffnungen, aber künstlicher
Dämpfung, stimmt behaglich, kann aber auch
bei Anwendung farbigen Glases und Berech-
nung der Lichtreflexe zu einer weihevollen,
ja geradezu magischen Wirkung führen. Wir
schweigen von dem Einfluss des Gegensatzes
zwischen voll beleuchteten Räumen und
lauschigen Durchblicken und Nischen und

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