Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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FRITZ VON UHDE'S NEUESTES WERK <ö^~

freiere Bewegung verschaffen. Und wie
weiss Uhde dieses Ganze in die Umgebung
hineinzubringen, in einen dekorativen,
modernen Atelierraum, ohne die grosse ein-
heitliche Gesamtwirkung einzubüssen; da zeigt
sich, wie der Künstler kluge Beschränkung
sich aufzuerlegen weiss und in seinem Können
bei Gegenständen nebensächlicher Natur
zurückzuhalten versteht, was manchem un-
vollendet erscheinen könnte. Dieses Zurück-
halten ist aber Können, positives Können,
welches den Eindruck hervorruft, dass selbst
unfertig scheinendes dennoch fertig ist. Der
Maler braucht und soll, ebenso wie der
Dichter, nicht alles sagen, er darf auch dem
künstlerisch empfindenden Beschauer etwas
übrig lassen. Und hier lässt er auch in
stofflicher Hinsicht, geistreich, doch ohne
Reflexion und logischen Schluss, dem Be-
trachter genug übrig. Die Frommen und
Gläubigen, welche ehedem seine Kunst eine
Verhöhnung der Religion nannten, werden
jetzt in seinen Modellen das sehen, was sie
immer zu sehen glaubten und die gott-
losen Gläubigen sehen, dass zwischen den
Bildern „Die Ruhepause im Atelier" von

Uhde, „Der Familie" von Giorgione und
dem „Hl. Lukas, der die Madonna malt" von
Rogier v. d. Weyden, in stofflicher Hinsicht
kein so grosser Unterschied ist. Für beide
Teile aber bleibt, eine Empfindung für
malerische Qualitäten vorausgesetzt, noch das
Wesentlichste, was die Kunst ausmacht, die
Sprache, in welcher der Künstler redet, übrig
und diese kann genügend sagen, hier giebt
es dann keinen Inhalt, sondern Gehalt; an
Stelle des „Was" tritt ein „Wie".

Freilich zu einem abschliessenden Resultate
der Beurteilung wird man auch bei Uhde
nicht kommen, schon deshalb nicht, weil es
ein Ding der Unmöglichkeit ist, vorauszu-
sehen und zu sagen, wie in ferner Zukunft
sich das Urteil gestalten wird, das immer
dem Wechsel unterworfen, erst nach Jahr-
hunderten die Stellung eines jeden eigen-
artigen Künstlers genauer feststellt, jedenfalls
wird aber ein Werk wie dieses, als eines der
charakteristischsten Merkmale in der Epoche
des Realismus unserer modernen Malerei,
einen rühmlichen Platz einnehmen.

Franz Wolter
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