Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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VON RUSSISCHER KUNST

Gelegentlich der ]

Die russische Malerei hat keine Geschichte,
wie die der westeuropäischen Kultur-
völker. Die kirchliche Kunst, die bei den
übrigen Nationen die Mutter der weltlichen
wurde, nachdem sie selbst immer freier, immer
„weltlicher" geworden war, ohne dass sie darum
aufgehört hätte, der Religion zu dienen und die
Kirche zu verherrlichen, war in Russland durch
eine dogmatische Starrheit gebunden gewesen,
die so gut wie alle Entwicklung ausschloss.
Erst in unsern Tagen hat Victor Wasnezoff,
in seinen Fresken der Wladimirkathedrale in
Kiew, auch der kirchlichen Malerei neues
Leben einzuflössen verstanden durch ein sehr
geschicktes, fast gar zu kluges Kompromiss
zwischen den Forderungen des liturgischen
Stils und dem realistischen Bedürfnis des
modernen Beschauers. Die Versuche aber,
die schon vorihm Iwanow mit seinem historisch
so bedeutsam gewordenen „Johannes der
Täufer" und der jetzt noch wirkende Poi.je-
now in Werken wie „Christus und die Ehe-
brecherin" (sein „Christus am See" Abb. S. 233
giebt genau die Landschaft des „Galiläischen
Meeres" wieder) gemacht hatten, der religiösen
Malerei durch historische und ethnographische
Studien und gewissenhaften Wirklichkeitssinn
abzuhelfen, diese Versuche waren wohl dem
Historienbild, aber nicht der Kirche zu gute
gekommen.

Soviel also auch in Russland schon jahr-
hundertelang Kirchen ausgeschmückt und
Heiligenbilder fürs Haus gemalt worden sind
— die russische Malerei ist erst etwa andert-
halb Jahrhunderte alt. In den letzten Dezennien
aber hat sie sehr rasche Fortschritte gemacht,
dank einer Reihe bedeutender Talente von
nationaler Eigenart und dank dem Umstand,
dass die ganze Kunstrichtung Westeuropas in
der zweiten Hälfte des vorigen Säculums, der
Sieg des Realismus in Frankreich zuerst, dann
bei den andern Völkern, dieser nationalen
Eigenart entgegenkam und förderlich war. —
Im Zarenreiche selbst hatten schon längst
Wanderausstellungen das Interesse an der
nationalen Kunstentwicklung angeregt und
verbreitet; allmählich fingen die russischen
Bilder auch an, über die Grenze hinaus zu
wandern. Da kam zuerst der Werescht-
schagin-Cyklus, dessen blutrünstige „Maschi-
nen" unter Harmoniumbegleitung „Krieg dem
Kriege" predigten, lange ehe Bertha v. Suttner

riser Ausstellung

(Nachdruck verboten)

den Fürsten und Völkern Europas, die aber
auf diesem Ohr nicht hörten, ihr „die Waffen
nieder" zurief. Dann kam z. B. Repin's famoses
Kosakenbild (Abb. „K. f. A.", XI. Jahrg. H. 1),
sehr viel kriegsfreudiger im Inhalt, aber auch
viel künstlerischer in der Ausführung. Wir
lernten in ANTOKOLSKYeinen Bildhauerkennen,
dessen ebenso gesunder, wie masslos über-
schätzter realistischer Begabung ab und zu
einmal ein wirklich monumentaler Wurf ge-
lingt. Endlich kam nach Deutschland im Jahre
1898 eine kleine Elitetruppe russischer Werke,
die in München und Berlin grossen Eindruck
machte (s. „K. f. A.", XIV. Jahrg. H. 5). Die
meisten dieser Werke begegneten uns dann im
vorigen Sommer auf der Pariser Ausstellung
wieder, diesmal freilich im grossen Haufen der
Gruppe 2, Klasse7, Abteilung „Russland" mit-
marschierend und dadurch in ihrer Wirkung
nicht eben gehoben.

Wenn aber für den rein ästhetischen Ge-

«forstin marie «« bildnis der

eristoff kazak madame paquin

Die Kunst für Alle XVI. tu 15. Februar 1901.

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