Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-=^ss2> O. v. LEITGEB: ERINNERUNGEN AN W. LEIBL

Körper das nicht vertrage. Zu Zeiten wurde ich war Leibi allein. Wie mir der Arzt mitteilte, hatte
ganz wirr von diesem Hocken. Hab' ich da am es überhaupt die härteste Mühe gekostet, ihn dazu
Ende manchmal einen Strich nur so hingemacht?!« zu bewegen, dass er von Kutterling, wo eine Pflege
Wiederholt erzählte er, wie ihn die Arbeit oft so undenkbar gewesen wäre, nach Aibling hereinge-
angestrengt habe, dass ihm dabei der Schweiss in kommen. Nun sträubte er sich vorläufig nicht
Strömen vom Kopfe und über den ganzen Körper minder heftig dagegen, dass irgend jemand auswärts,
floss. ja selbst seine nächsten Angehörigen, vom Ernste

Seine Kunst, seine Pläne, das was er gewollt seines Zustandes erführen. Und man musste aus
und wie er's gewollt, beschäftigte ihn innerlich Rücksicht auf sein jähes Temperament^mit äusserster
unablässig. Behutsamkeit vorgehen. Sperl, der die hellen Herbst-

Ais wir Photographieen seiner letzten Arbeiten tage ausnützen musste, um draussen an einem Bilde

fertig zu werden, kam nur über den
Sonntag herein. Der Arzt, Sperl und ich
trachteten also, ihm über die schweren
Tage wegzuhelfen. Wegzuhelfen! Mit
der bittersten Sorge vor dem unaus-
bleiblichen, näher rückenden Ende!

— Allerdings gab es anfangs noch ein-
zelne bessere Stunden. Er konnte sich
an dem hellen Oktobersonnenschein
freuen, den er links und rechts aus
den Fenstern über den lange grünenden
Wipfeln der Anlagen erblicken konnte,
auf die seine Wohnung sah. Unter
den Fenstern zieht dort ein heller
Bacharm murmelnd vorbei. In den
ersten Tagen vermochte er sogar noch

— in den weiten Filzschuhen, die die
wassersüchtigen Füsse allein noch ver-
trugen — selbst ein paar Schritte auf
dem nächstgelegenen Wege der An-
lagen zu machen. Aber auch das
hörte bald auf. Die besten Stunden
waren dann, wenn die Atemnot nach-
liess, wenn er ein bischen plaudern
durfte, ein paar Zeitungen ansehen,
oder sein Gläschen Mosel schlürfen,
oder wenn sich der karge Appetit ein-
stellte, und der Doktor etwas erlaubte,
das ihm schmeckte. Was für eine
Freude dann, mit dem Jagdmesser,
seinem Knicker, der beständig zur
Hand lag, ein paar Scheiben von dem
köstlichen Kölner Schinken herabzu-
schneiden, oder eine saftige Birne zu
schälen. Es war oft rührend und tief
traurig zugleich, auch an ihm jene
naiven, kindlichen Züge, jenes kleine,
hungernde Interesse an Zufälligkeiten,
an Wünschen des Augenblicks zu ent-
decken, wie es den Ausdruck dem
Tode entgegenkrankender Menschen
begleitet. Wie ein verwundeter Cyklop
fügte er sich in die Krankenrolle;

ridgway knight ein juli-morgen nur die gichtischen Schmerzen wurden

manchmal unerträglich, und seine Ab-
neigung gegen Medikamente konnte er
betrachteten und er mir deren Farben und Effekte schwer überwinden. Dann wieder konnte er aus-
erzählte, rief er einmal mit wie von Zorn ange- rufen:

wandelter Stimme: >Nie mehr werde ich arbeiten können! Ich bin

» Diese letzten sind doch gewiss meine besten bald kaputU
Arbeiten! Da sagt man: ja, früher! früher! — Aber Und wie oft kehrten die Gedanken dieser Kraft-

früher habe ich doch mehr um mich gesehen und natur zum Ursprünglichen, zur Vorstellung von
war deshalb vielleicht doch nicht so selbständig. Stärke und Gesundheit zurück. Einmal that er die
Seit ich aber ganz einsam lebe und der Welt ferne, charakteristische Aeusserung:

bin ich nur ich selbst. Das da bin ich selbst. >Die Darwinsche Theorie macht mich lachen!

Wenn ich einmal gestorben bin, dann werden sie Wenn der Mensch vom Tiere abstammt, da müsste
schon draufkommen, dass meine besten Sachen die er sich ja rurücfeentwickelt haben! Das Tier ist in
letzten sind, und nicht die älteren!? vielem voraus. Zum Beispiel ein Vogel. Der Adler!

Da er nicht viel sprechen durfte, kürzte ich Wie kann der fliegen! Was für einen Magen hat
meinen ersten Besuch möglichst ab, kam nun aber er, und wie alt wird er! Nur erschossen kann er
jeden Tag und suchte ihn zu zerstreuen, wie es werden!' —

ging. In dieser ersten Zeit meines Aufenthaltes (Der Schluss folgt im nächsten Hefte)

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