Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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■*r*g> MÜNCHENER SECESSION: FRÜHJAHR-AUSSTELLUNG <3*-«-

an. Schram.m-Zittau tritt diesmal ein wenig
gegen E. Wolff zurück; denn während jener
sich gleich geblieben ist, so kann bei diesem
gegen früher eine grössere Sicherheit und
geschmackvollere Behandlung der Farbe kon-
statiert werden. In einigen Bildern wie bei
dem „Reif geht Wolff dem Problem, den
Raum durch Licht zu gliedern, mit schönem
Erfolg nach; einige Mängel in Zeichnung und

erik werenskiold ««««bildnis

henrik ibsens

Modellierung bleiben freilich noch fühlbar.
Die Pferdebilder von E. Hegenbarth schlies-
sen sich mit vielem Geschick, aber leider
auch bis zur Aufgabe der Persönlichkeit an
Zügel an. Viel besprochen werden Adolf
Thomann's Tierbilder, besonders das stim-
mungsvolle Stück bei Dämmerung, wo in
schweigender Alpengegend eine weidende
Herde schweren Hornviehes dargestellt ist.

Der erste Eindruck mag wohl etwas be-
fremdlich, und die Malweise bis zum Wolligen
trocken sein; aber es geht doch eine zwin-

gende Wirkung von dem Bilde aus. Hayek
und Crodel sind mit vielem Glück auf
tonige Gesamthaltung ausgegangen. Pott-
ner's lesende alte Frau ist eine sehr sorg-
fältige, noch etwas ängstliche und doch inter-
essante Beleuchtungsstudie. Bei Richard
Pietzsch scheint die früh erlangte Herrschaft
über einige Effekte verhängnisvoll zu werden.
Die Leichtigkeit will übergehen in ausdrucks-
lose Verblasenheit. Auch bei der im unge-
wissen Dämmerschein ruhenden Marine von
Wilh. Ludw. Lehmann ist die Leichtigkeit
wohl nur scheinbar und sie steht im uner-
freulichen Kontrast zum schweren Vortrag.
In der reichhaltigen Kollektion Philipp Klein's
sind einzelne Stücke, wie das Freilicht-Porträt
einer Dame in roter Toilette mit weisser
Spitzenbarbe, von überraschend feinfühliger
Findigkeit im Ergreifen malerischer Motive,
und diese Arbeiten gehören darum trotz
mancherlei Flachheiten zum Interessantesten
der Ausstellung. Constantin Korzendör-
fer's Porträt eines jungen Mannes ist von
sehr sympathisch ruhiger Haltung, und ob-
wohl es nicht klar genug durchgebildet ist,
erweckt es den bei einem Porträt immer so
wohlthuenden Eindruck lebendiger Charak-
teristik. Winternitz schickte das lebens-
grosse Bildnis eines Herrn, neben dem ein
Hund steht; die Erinnerung an ähnliche Ar-
beiten von Uhde ist nicht gut zu überwinden.
Sehr anmutig und frei von diesem Einfluss
ist die kleine Landschaft von Winternitz.

Viel genannt werden zwei noch nicht oder
nur wenig bekannte junge Maler, Ernst Stern
und Hans Lichtenberger, die sich beide in
allerdings etwas eiliger und manierierter Weise
an Slevogt anschliessen, von denen aber
Lichtenberger auch ganz entschiedene Beein-
flussung der Pariser Schule verrät. Es ist
viel malerischer und menschlicher, wenn auch
in keiner Beziehung ganz einwandfreier Witz
in diesen kleinen Interieurs mit den wunder-
lich gezeichneten und beleuchteten Akten;
einstweilen muss ich bekennen, dass sie mir
wie die Irrlichter in Goethes schönem Märchen
von der Schlange vorkommen, lustig aber arg
unbeständig.

FARBENSTRICHE

Es giebt Bilder und Menschen, die nur dekorativ
wirken.

In einer Ausstellung hängen hie und da Bilder, bei
denen man bedauert, dass nicht der Maler daneben
hängt.

Pctcr Sirius

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