Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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«*~Sö> PERSONAL-NACHRICHTEN KUNSTLITTERATUR <^s^

DOM. Hierselbst starb, zweiundfünfzig Jahre alt,
**■ der hochbegabte Bildhauer Pietro Costa,
Schöpfer des Mazzine-Denkmals in Genua und des
Viktor Emanuels-Denkmals in Turin. Des letzt-
genannten Riesen-Monumentes wegen hatte Costa
eine Reihe von Prozessen mit der Stadt Turin und
sein Tod war zweifellos eine Folge der damit ver-
bundenen seelischen Erregung. th.

GESTORBEN: In Paris, zweiundsiebzig Jahre
alt, der Maler und Kupferstecher Francois
Chifflart; in Südfrankreich, sechzig Jahre alt, der
Maler Jean Charles Cazin. Unsere Leser werden
sich erinnern, dass wir in H. 3 d. 1. J. aus der i Cen-
tennalet der Weltausstellung des Künstlers Judith-
Bild reproduzierten.

KUNSTLITTERATUR

Hans Thoma-Werk. Drei Mappen. (Frank-
furt a. M., Heinrich Keller).

Die Werke Hans Thoma's in guten, nicht zu
teuren Reproduktionen zu veröffentlichen, hat sich
Professor Henry Thode, der verständnisvolle
und begeisterte Fürsprecher des Künstlers zur
dankenswerten Aufgabe gesetzt. Schon im vorigen
Jahre erschienen zwei umfangreiche Mappen (die in
Frankfurter Besitz befindlichen Werke publizierend,
Preis 66 Markl, begleitet von trefflichem Vorwort
des Herausgebers. Vor kurzem erschien eine neue
Serie (Gemälde in Frankfurt, Heidelberg, Karlsruhe,
Bernau, Säckingen, Basel, Zürich und einigen
anderen Orten, Preis 45 Mark) und mit Freuden
sieht man den weiteren entgegen. Das ganze Schaffen
Thomas soll mit der Zeit in Abbildungen wieder-
gespiegelt und gesammelt werden! Ein treffliches
Unternehmen, dem der beste Erfolg und die grösste
Verbreitung zu wünschen wäre. Wenn das Werk
irgend eines Meisters einer solchen Verbreitung
wert ist und dazu angethan, in deutschen Landen
ein bedeutender Faktor des allgemeinen geistigen
Besitzes zu we:den mit wirkendem Einfluss auf
Schauen und Sinnen, so ist es dasjenige Hans
Thomas. Des Künstlers, der wie unsere Meister
der Vorzeit sich wieder in hervorragender Weise
durch das Hilfsmittel einer reproduzierenden Kunst
— mit seinen Steindrucken — an die Allgemeinheit
wendet, der in sich, in seiner Seele Tiefen klar und
rein und mächtig bewahrt den Schatz echt germa-
nischen Fühlens und Schauens und Gestaltungs-
vermögens, und der uns in seiner schier endlosen
Reihe von Werken die ganze Natur nach deutschem
Wesen zu offenbaren weiss, wie damals die Schon-
gauer, die Dürer. — Erst die uns vorliegende Publi-
kation übrigens wird, wenn ihr letztes Blatt er-
schienen ist (— hoffentlich erst nach langen Jahren ;
da uns der Künstler noch lange schaffensrüstig er-
halten bleiben möge! —) einmal erst recht erweisen,
wie umfangreich dieses geniale Können und Schaffen
ist. Wer Thoma nur aus einzelnen Ausstellungen
kennt, wird schon beim Durchblättern dieser ersten
Mappen erstaunt sein über die Reichhaltigkeit und
Mannigfaltigkeit dieser Darstellungen, über diese
unerschöpfliche wechselnde Fülle: Diese gross
geschauten Landschaften, unendlicher Ferne, un-
endlichen Himmels, deutsche, italienische! Diese
kleinen und doch auch wie von Unendlichkeit er-
füllten Naturausschnitte! Dieses Leben und Arbeiten
und Sinnen und Träumen des Menschen in der
Natur! Diese phantastischen Wesen und Gebilde,
die poetischen Verdichtungen der Stimmungen und
Elemente der Natur! Diese mit Liebe erfassten

Stilleben! Die ernsten, schlichten, lebensvollen
Porträts! Diese — oh, es fehlt hier der Raum zu
weiteren Andeutungen: man vertiefe sich selbst in
diesen köstlichen Schatz! Mich will bedünken, dass
jene Frage, ob Thoma und sein Werk wirklich jetzt
ein Faktor werde in unserem Geistesleben, als
ein ernster künstlerischer Prüfstein gelten kann für
unsere moderne Welt, für unsere deutsche Kultur.
Dass man ihn einmal so lange Jahre hat verkennen
können, ist schon bedenklich genug! A. P.

»Das Wesen der Kunst im Spiegel
deutscher Kunstanschauungc. 8°. 68 Seiten. (Karls-
ruhe, G. Braun'sche Hofbuchhandlung. M. 1.60.)

»Was ist die Kunst?- also hatte der zum dies-
jährigen Winterfest der Karlsruher Künstlerschaft
( Drei Tage im Morgenlande-, 10—12. März) auch
erschienene Aegypter-König Ramses eine vorherige
Rundfrage an die Weisen des Abendlandes- ergehen
lassen. Im obigen, zierlich ausgestatteten Büchlein,
das Albert Herzog zusammengestellt und Otto
Eichrodt, Franz Hein, Hans Thoma und Hans
von Volkmann mit Titel- und sonstigem Buch-
schmuck versehen haben, liegen die Antworten vor,
wie sie von einer Reihe älterer und jüngerer Meister
in bildender Kunst, Litteratur, Musik und Kunst-
wissenschaft, in gebundener und ungebundener Rede,
hier im Ausdruck fein ziseliert, dort flüchtig hinge-
worfen, gegeben worden sind. Gelegentliche Proben
sollen unseren Lesern am besten den hübschen Cha-
rakter der kleinen Veröffentlichung erweisen, die dem
Karlsruher Künstlerfest eine gern gesehene Mit-
wirkung der »Presse«- gewesen sein dürfte. Heute
sei daraus das launige Poem mitgeteilt, das Hans
Thoma dem Fragesteller sandte:

o Ramses, weiser König,

Ueber Kunst zu sagen weiss ich wenig:

Als Kind auf Schiefertafel und Papier

Durch Krixeln und Kraxeln bracht ich manches herfür;

Der Nachbar es Gewurstel und Unsinn nannte,

Ich selber auch nicht viel darin erkannte.

Doch schien's mir wohl, nur wusst ich nicht was?

Ich lief zur Mutter; die liebe, die sagte mir das:

Dass ein Pferd es sei, ein Haus, ein greuliches Tier,

Der Mann davor fiele um vor Schrecken schier.

Ganz ähnlich hab ich's durch all die Jahre getrieben.

Gar mancher nannt's grässlich, ein andrer ist stehen geblieben

Vor den Tafeln, die ich mit Formen und Farben gefüllt.

Man fragte gar oft, welch Geheimnis hinein ich gehüllt?

Und kommen die Fragen: wozu, warum und was?

In Verlegenheit sagt ich wohl öfter: es ist ja nur Spass.

Es drängt mich halt immer, etwas zu bilden und zu gestalten.

Es muss schon ein eigner Trieb in mir walten.

o König Ramses, sei gnädig, bleib milde,

Wenn ich genau nicht sagen kann, wie ich's bilde.

Es ist halt die Kunst, ich mach, was ich kann.

Viel Fleiss steckt drin, du findst vielleicht Gefallen daran.

Wenn gnädigst geruhst, mit Geduld es zu sehen :

Du wirst es aus Wallung der eignen Seele verstehen;

Drum weiser König, o gütiger Ramses,

Wenn das Bild dir gefällt und wies dir gefällt, so benams es.

Alfred Lichtwark, Die Erziehung des
Farbensinns. (Berlin, Bruno und Paul Cassirer,
M. 2.50.)

Auch zu diesem neuen Buche von Lichtwark
ist kaum etwas anderes zu sagen, als dass er in
derselben überlegenen Art und Weise, wie er es
bisher gethan, fortfährt, das Thema der künstle-
rischen Kultur in Deutschland zu behandeln. Man
wird in dieser neuen Schrift alles finden, was
notwendig ist für eine klare und kurze Behandlung
des Themas: vor allem die Notwendigkeit, über-
haupt davon zu reden, die historische Deduktion
und die Methode der Erziehung. Ich glaube, es
ist kaum notwendig, einer Lichtwarkschen Schrift
noch eine besondere Empfehlung mit auf den
Weg zu geben oder durch eine Inhaltsangabe auf
die Lektüre neugierig zu machen. S. N.

Rcdaktionsschluss: 6. April 1901. Ausgabe: IS. April 1001.

Herausgeber: Friedrich Pecht. — Verantwortlicher Redakteur: Fritz Schwartz.
\'crlngsnnstalt F. Briickmann a.-g. in München, Nymphcnburpcrstr. ST,. — Druck von A. Bruck.mann, .München.
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