Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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nämlich eine realistisch charakterisierende. Noch
wertvoller und für die innere Geschichte des Künst-
lers, für die Erkenntnis seines Charakters geradezu
epochemachend sind die Untersuchungen über die
»Tragödie des Grabmals«. Zunächst stellt Justi zum
erstenmal die verworrene und vielfach unklare Ge-
schichte der Arbeit an diesem nur als Fragment
vollendeten Werke im Zusammenhange dar, dann
aber, was noch wichtiger ist, weist er an der Hand
dieser mit unerbittlicher historischer Schärfe ge-
führten Untersuchungen nach, dass auch diese Tra-
gödie keineswegs ohne tragische Schuld ihres Helden
entstanden sei, dass mit anderen Worten zum aller-
grössten Teil Michelangelos wunderliches und schwer
zu erklärendes Benehmen im Verlauf dieser Arbeit
ihren Fortgang und ihre Vollendung nach dem ur-
sprünglichen Plan verhindert habe, dass die Schuld
daran also keinem der beteiligten Päpste, oder sonst
einem anderen zuzuschreiben sei. Diese harte An-
klage des Historikers mildert der Kunstverständige
und der Psychologe, indem er versucht, die dunkeln
psychischen Einflüsse, denen Michelangelo unterlag,
zu erklären und verständlich zu machen, ein Ver-
such, der, da er auf tiefster Menschenkenntnis und
nachfühlendem Verständnis der Künstlerseele be-
ruht, ebenso gelungen erscheint, als der Nachweis
der geschichtlichen Thatsachen, die bisher so un-
verständlich erschienen. Der letzte Teil, der aus
kurzen Einzelaufsätzen besteht, erklärt das Verhält-
nis Michelangelos zu den beiden in erster Linie von
ihm ausgeübten Künsten. So stellt sich das vor-
nehm ausgestattete Werk als einer der hervor-
ragendsten Beiträge zur Geschichte des grössten
Künstlers aller Zeiten dar, bestimmt, eine dunkele
Episode der Kunstgeschichte endgiltig aufzuklären
und zu erhellen, eines der grossartigsten, wenn auch
am wenigsten begriffenen Kunstwerke der Erkenntnis
und dem Verständnis näher zu bringen. F. S.

Kobel, Dr. Hans, Amtsrichter, Die Ver-
träge des Bildhauers. Ein praktisch-juristisches
Handbuch. Herausgegeben auf Veranlassung der
Bildhauer-Vereinigung des Vereins Berliner Künst-
ler und der Allgemeinen Deutschen Kunstgenossen-
schaft. (Berlin 1900, Carl Heymanns Verlag, 3 M.)

Kaum je hat mit grösserem Rechte auf dem Titel
eines Buches das Wort »praktisch« gestanden, als
auf diesem Werke, und von der berühmten »aus-
zufüllenden Lücke« kann bei diesem Buche mit
vollem Rechte gesprochen werden. Während der
Verkauf eines Gemäldes oder einer Zeichnung sich
ohne weitere juristische Umständlichkeiten vollzieht
und nur dann mit besonderer Sorgfalt behandelt
werden muss, wenn das Vervielfältigungsrecht mit
übertragen werden soll, ist der Bildhauer oft ge-
nötigt, ziemlich umständliche Verträge beim Ver-
kaufe eines Werkes abzuschliessen. Erstens braucht
er schon bei der Herstellung der Form vielfach
Hilfe; er hat mit der Giesserei oder mit dem Liefe-
ranten des Marmorblockes zu verhandeln; er hat
Verträge zu machen mit den Preisjurys, mit Archi-
tekten und sonstigen Unternehmern u. s. w. Aus
diesen Gründen ist der Bildhauer viel öfter vor die
Beantwortung von schwierigen juristischen Fragen
gestellt, als der Maler. Er wird sie aber nicht zu
seinem Schaden beantworten, wenn er obengenanntes
Buch zu Rate zieht, das alle erdenklichen Fälle des
bildhauerischen Absatzfeldes behandelt. Das Buch
ist entstanden auf Grund eines freundschaftlichen
Verkehrs, den der Autor als junger Rechtsbeflissener
in Berlin mit Bildhauern gepflogen hat, und wir
können nur wünschen, dass alle Freundschafts-
bündnisse so praktische und so gute Folgen haben

möchten, als welche sich -die Verträge des Bild-
hauers« darstellen.

Neuigkeiten aus dem Verlage von
Fischer & Franke in Berlin.

Mehrfach schon hatten wir, wenn von Reform
der Buchausstattung die Rede war, Gelegenheit der
Thätigkeit der obengenannten, noch jungen Ver-
lagshandlung rühmend Erwähnung zu thun. Aus
deren Sammelwerke Jungbrunnen« liegen uns
drei neue Bände (Abonnementspreis je 1 M. vor:
»Kinderlieder;, illustriert von Erich Kuithan, »Zwei
Märchen«, in Bildern von Max Bernuth, »Goldene
Zeit«, Liebeslieder mit Bildern von Ernst Lieber-
mann. Hans Bethge bringt in demselben Verlage
eine Dichtung »Sonnenuntergang« mit Buchschmuck
vom Worpsweder Heinrich Vogeler (1 M.) und ein
Tagebuch »Mein Sylt« mit Bildern von Walter
Leistikow (21 , M.). Gustav Klitscher bietet unter
dem Titel »Schönheit« Verse mit Buchschmuck von
Hermann Hirzel (3 M.). Worauf aber wir unsere
Leser heute insbesondere aufmerksam machen
möchten, das sind die beiden periodisch erscheinen-
den Publikationen »Der Spielmann, Monatsblätter
für deutsche Dichtung« (vierteljährlich 2 M.) und
»Teuerdank. Fahrten und Träume deutscher Maler.
Zwanglose Bilderfolgen lebender Künstler« (jährlich
zwölf Hefte zum Preise von V i M. im Abonnement,
M. 2.— bis 2H* einzeln). Ist es den Verlegern in
dem erstgenannten Organ vorwiegend darum zu
thun, ;den Kampf mit der banalen Litteratur der
Familienblätter« aufzunehmen, so soll im »Teuer-
dank« dem bildenden Künstler eine, in dieser Form
bislang nicht vorhandene. Sammelstätte für solche
Schöpfungen geboten werden, die im leichten Ge-
wände der Zeichnung sich als der Ausdruck augen-
blicklicher Stimmungen, Erlebnisse und Phantasien
präsentieren. Der diesem Hefte beigelegte Prospekt
sagt gewiss nicht zu viel, wenn er behauptet, dass
der in diesem Unternehmen niedergelegte ver-
legerische Gedanke mit Begeisterung von der
deutschen Künstlerschaft aufgenommen sei, und
als vollgültiges Zeichen dafür können die beiden
ersten uns vorliegenden »Folgen« des »Teuerdank«
(„Stimmungen" von Herm. Hirzel — „Allerlei
Wetter" von Ernst Liebermann) gelten. Hoffen
wir, dass die weiteren sich ihnen würdig anreihen,
die im Prospekt genannten Namen der einstweilen
zur Mitarbeit gewonnenen Künstler (aus denen wir
aufs Geratewohl Mülier-Münster, Barlösius, Schmid-
hammer, Robert Engels, E. M. Lilien, Alexander
Frenz, Fr. Hass, Georg Jahn, J. V. Cissarz heraus-
greifen) verkörpern ein gut Teil bester Kraft des
künstlerischen »Jung-Deutschland«.

Franz Hermann Meissner. Franz von
Defregger. (Berlin, Schuster & Löffler, 3 M.)

Als sechster Band des Monographien-Cyklus
»Das Künstlerbuch« ist der obengenannte erschie-
nen. Defregger ist der erste zeitgenössische Meister
älteren Schlages, wenn man so sagen darf, der in
diese Serie verdienstvoller Monographien aufge-
nommen worden ist, und man wird den Verlegern
auch für diese Gabe nicht weniger dankbar sein als
für jeden der ersten fünf Bände, die nacheinander
Böcklin^Klinger- Stuck —Thoma—Uhde behandelt
haben. Was freilich die Illustrierung des Defregger-
Bandes betrifft, so darf man an diese keine zu
hohen Ansprüche stellen. Von der Vervollkomm-
nung der modernen Drucktechnik ist bei diesem,
mit einer Reihe kleiner autotypischer Nachbildungen
der bekanntesten Bilder des Meisters geschmückten
Bande wenig zu merken.

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