Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-a-&Ö> FERDINAND HODLER -<2££^~

das Wesentliche den deutlichsten Ausdruck,
die schlichteste Formel gefunden hatte. Das
waren Jahre schweren Arbeitens, schwerer
Entbehrung auch. Seine Bilder sind aber
dabei von einer Einfachheit ohnegleichen
geworden; in dieser Simplicität stecken jedoch
ein Reichtum und eine Kraft des Empfindens,
die jedes, auch das unscheinbarste Bild Hodlers
über alles Kleinliche, bloss Zufällige hoch
hinausheben ins Typische, zugleich ins wahr-
haft Monumentale. Auf dieses ist jede Linie,
jede Farbe gestimmt: eine strenge, feste Linie,
eine kühle, schlichte Farbe. Aber in Hodlers
Linienstrenge liegt ein Rhythmus, der be-
zaubert, in der Kühle seiner Töne eine Poesie,
die ergreift, in allem eine Wahrheit, die weit
über der gemeinen Wirklichkeit steht und die
doch als die eine grosse Notwendigkeit er-
scheint. Und wenn Hodler ganz besonders
betonen will, so trägt er, was er zu sagen
hat, in parallelen Erscheinungen vor, ge-
wöhnlich in fünf Figuren mit dem Haupt-
accent auf der mittleren, die sich in fein
abgewogenen Raumpausen von den andern
abhebt. Diese Figuren sind sich ähnlich, aber
nur im künstlerisch grossen Gleichklang der
Linien, Farben und Formen; sonst jedoch

F. HODLER HERBST (1893)

sind sie individualisiert mit der Kraft eines
Genies, dem auf einen einzigen Blick das
Innerste, das Wesen klarliegt. Aeusserlich-
keiten zur Charakterisierung zu verwenden,
verschmäht Hodler konsequent: seine Figuren
sind z. B. nur mit dem Notwendigsten ange-
than, seine Knaben mit eng anschliessenden
Unterkleidern, seine Greise mit weissen oder
schwarzen Mänteln. Oft sind sie nackt, wie zum
Teil auf dem bekannten, an Monumentalität
alles überragenden Bilde „Die Nacht", oder
wie die Frauengestalt in der ergreifenden
„Communion avec lTnfini."

Das war das erste Bild gewesen, das wir
von Hodler zu Gesicht bekommen hatten:
ein Eindruck, so zwingend und nachhaltig
wie nur wenige, die wir vor Kunstwerken
erlebt haben. Dann kam „Adoration", der
einsam auf blau beblümter, halb sumpfiger
Wiese knieende Knabe im Gebet; weit, weit
weg von aller hergebrachten Gefühlsduselei
und konventionellen „Schönheit", darum eben-
falls von den meisten nicht verstanden, in
Wirklichkeit aber innerlich ebenso tief und
wahr wie äusserlich schlicht und streng. -
Dann „Die Nacht", das Riesenbild, welches
jedem Kunstkenner den Namen Michelangelos
oder doch Luca Signorellis auf die Lippen
rief und das doch in nichts einem dieser beiden
nachgeahmt, auch nur nachempfunden ist,
sondern nur in ähnlich einsamer Grösse
dasteht wie die Werke dieser Titanen: Ein
Riesenbild nicht sowohl in den Dimensionen
als in der Auffassung der Figuren und in der
Komposition, die wieder Hodlers fünftaktigen
Rhythmus, auch wieder mit Hervorhebung
des Mittelaccentes zeigt, grandios auch im
Ausdruck der Schlafenden, hauptsächlich
des vom Alpdruck erschreckt Erwachenden
im Zentrum. Es war 1891 im „Champ de
Mars" ausgestellt und erregte dort auch die
Bewunderung Puvis de Chavannes". Auch in
München, Berlin und Venedig hat man es
gesehen; München hat es mit der grossen
„Goldenen" ausgezeichnet*). Keiner, der dies
Bild gesehen hat, wird es je vergessen.

Ueberhaupt wird nichts Hodlerisches einem
entschwinden, der es einmal, willig oder
widerstrebend, in sich aufgenommen hat: Nicht
die zu fünft — auch wieder mit isolierender Be-
tonung der Mittelfigur— hintereinander schrei-
tenden Greise der „Eurhythmie" (s. S. 373)^
nicht die fünf sitzenden „Enttäuschten", nicht
die fünf „Lebensmüden". Sie sind sämtlich so,
grossempfunden, dassjederdavonergriffen wird

•j Vt ir brachten s. Zt. (XII. Jahrg. S.374) eine kleine Wieder-
gabe des Bildes, es hier im Zusammenhange nochmals zu reprodu-
zieren, rechtfertigt sich uns durch die Bedeutung, die dasselbe im
Lebenswerk des Künstlers einnimmt. D. Red. d. „K. f. A."

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