Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-*-S^> EINE KLASSE FÜR MALTECHNIK <££^

Klasse sein. Hier ist die Stätte, woselbst jeder
das Material von Grund aus kennen lernen soll,
dessen Eigenschaften und Anwendung, die Be-
schaffenheit, die Naturgesetze des Trocken-
prozesses, der Mischungen, die Ursachen und
Wirkungen u. s. w. Die Klasse soll eine
Probier- und Auskunftsstelle sein für Jung
und Alt.

Der Unterricht beginnt mit einer kurzen,
leicht fasslichen Erklärung des Spektrums,
der Spektralfarben durch den Lehrer der
Klasse (Maler Wirth), und geht dann auf die
Farbstoffe, Farbenpigmente über. In sogenann-
ten hierzu vorhandenen Malerkitteln führen
die Studierenden die praktische Uebung des
Farbreibens aus. Jedesmal nach solch einer
praktischen Arbeit, manchmal auch mitten
in derselben, folgt durch den Lehrer der
Klasse ein erläuternder Vortrag über das ver-
arbeitete Material, über den Farbstoff, dessen
Fabrikation, Eigenschaften, Mischung, Ver-
träglichkeit und Verhältnis zu dem Binde-
mittel, Trockenfähigkeit u. s. w. Auch hier
ergänzen praktisch angewandte Proben den
theoretischen Unterricht. Diese Proben liefern
mit der Zeit eine buntgewürfelte Anzahl von
Alalereien aller Art. Jeder dieser Malprobe
wird ein Zettel aufgeklebt, welcher genau
anzeigt, welches Material zur Verwendung
kam und auf welche Weise dieses geschah.
Hierdurch entsteht eine Gelegenheit, ebenso
interessante als nützliche Beobachtungen zu
machen, ob und wie sich Färb- und Grund-
material verändert und welche Erscheinungen
durch die Bindemittel und Lacke hervorge-
rufen werden, kurz — Ursachen und Wir-
kungen klar zu legen zur Nutzanwendung.

Ein Vortragsabend für die Grundbegriffe
der Chemie und für die chemischen Eigen-
schaften der Farben durch einen Chemiker
von Fach (Dr. Täuber) schliesst sich (für das
jeweilige Winter-Semester) in dessen Labora-
torium wöchentlich einmal an den täglich
stattfindenden Klassenunterricht an.

Auf oben beschriebene Art werden alle
Farben durchgenommen. Dies dauert gewöhn-
lich drei bis vier Monate. Zuerst die Oel-
farben, dann Aquarellfarben, Tusche, Pastell,
Gouachefarben, Tempera- und Leimfarben.

Dieser Abteilung folgt die zweite, welche
sich besonders mit Grundierungen befasst.
Lustig wird da Leinwand aufgespannt, geleimt,
gestrichen, geschabt undalle Arten von Gründen
geübt. Auch hier fehlt der jede praktische
Uebung erläuternde Vortrag nicht. Die Binde-
mittel — Oele, Retouchierfirnisse, Malbutter,

Siccatife und Firnisse — bilden die darauf
folgende, nicht minder wichtige Fortsetzung.

Manchmal wird die Anwendung einer Art
besonderer Malerei dadurch veranschaulicht,
dass, wie z. B. bei der Leimfarbe, der Besuch
eines Malersaales für Theatermalerei insceniert
wird (Hoftheater), weil die Theatermalerei
weder auf Hochschulen noch auf Kunstgewerbe-
schulen gelehrt werden kann, sondern nur da,
wo sich solch grosse Räume schaffen lassen.
(In München ist übrigens vor einigen Jahren
bereits der Anfang zu einer Aenderung der
Verhältnisse gemacht worden durch Errich-
tung eines Lehrateliers in diesem Fache.)

Fresko-Uebung auf der Wand

Für Uebungen zur Wandmalerei stehen ge-
putzte Zementplatten oder zubereitete Hinter-
gründe zur Verfügung, so dass auch Casein-
malerei, Keimsche Mineralmalerei und andere
studiert werden können, desgleichen Fresko,
zu dessen Pflege bekanntlich seit längerer Zeit
die Freiherr von Bielsche Stiftung existiert,
von welcher schon vielfach in diesen Blättern
die Rede war.

Die Klasse (der in den neuerbauten Unter-
richts-Anstalten der Akademie drei prächtige
Räume reserviert sind) wird von den jüngsten
und ältesten Schülern besucht; die Berliner
Akademische Hochschule für die bildenden
Künste ist es, die durch Inslebenrufen dieser
praktischen Abteilung den ersten Schritt zur
Ausfüllung einer längst fühlbaren Lücke im
Kunstunterricht gethan hat.

Die Kunst für Alle XVI.

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