Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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DIE VIERTE INTERNATIONALE

Fontanesi gewidmet (1818 - 1882), der ausser- tes Hauptwerk „Die Versuchung des heiligen
halb Italiens wenig bekannt ist und auch dem Antonius", von dem auch noch eine Variante
italienischen Geschmack von heute bereits in kleinerem Masstab zu sehen ist. Die
etwas ferne steht. Die retrospektive Aus- Kollektion Morelli feiert einen vollen Triumph
Stellung seiner Gemälde wird nun wohl für und scheint der eigentliche Anziehungspunkt
lange Zeit seinen Namen der Vergessenheit der Ausstellung zu sein. Der zarte und klare
entreissen, die ihm so unverdient gedroht Vortrag, die scharfe Zeichnung und die stets
hat. Die Besucher lernen in ihm einen Geistes- selbständige, manchmal vielleicht auch bizarre
verwandten des Engländers Constable kennen. Auffassung, entzücken uns noch immer, so
Die ruhige, still poetische Haltung der heroi- sehr sich auch im raschen Lauf der Zeiten
sehen Landschaft ä la Poussin verbindet sich der Geschmack gegen das von Morelli ge-
mit dem Bemühen, der Lehre der Barbizon- pflegte Genre erklärt hat.
schule gerecht zu werden; das Resultat sind Unter den noch Lebenden mag wohl Ettore
edel komponierte Landschaften, die trotz des Tito, der auch in Deutschland rühmlichst
schweren, auf ein stumpfes Blaugrün gebauten bekannte, an erster Stelle zu nennen sein.
Kolorites uns frei und lieb anmuten. Seine „Wäscherin", die im Winde die nassen

Noch ein anderer der Künstler des neun- Tücher über die Wäschleinen hängt, hat hohe
zehnten Jahrhunderts ist in dem schönen und Qualitäten durch frisches Leben und kecke
fruchtbaren Patriotismus der Italiener hier Eleganz. Das Bild ist schön, leider sogar
gefeiert worden, Domenico Morelli, dessen etwas zu schön; denn es ist kokett. Auch
internationaler Ruf uns auch heute noch wohl die übrigen Arbeiten Titos, besonders der
verdient erscheint. Man hat von diesem „Pflügende Bauer", sind von ungewöhnlichem
eminent originellen Maler den Christus-Cyklus Reiz. Viel genannt wird Cesare Laurenti's
beigebracht und dann sein mit Recht berühm- grossesDiptychon„DieParallele",eineimSinne

Rossettis gehaltene Allegorie auf
die Ungleichheit des Geschickes,
die verkörpert wird durch trau-
ernde arme Mädchen, denen die
Reichen in seliger Lebenslust
gegenüberstehen. Das malerische
Interesse erscheint dem gedank-
lichen Inhalt so sehr unterge-
ordnet, dass man die immerhin
sehr subtile, zum Teil sogar feine
Ausführung kaum mehr würdigt.
Ausserdem hat Laurenti auch
einige Porträts geschickt, darunter
das von Gabriele d'Annunzio; in
diesem Fach scheint er mir aber
hinter den ausgezeichneten Por-
trätisten Lino Selvatico, Ales-
sandro Milesi und G. Corelli
zurückzustehen. Die Spitzpinselei,
wie sie besonders in Rom gepflegt
wird, macht sich glücklicherweise
heuer wenig bemerkbar und wenn
wir ihr ja begegnen, dann ist's
auf die sehr sympathische und
achtenswerte Art, die der tüch-
tige Neapolitaner Migliaro kulti-
viert. Seine Scenen aus dem alten
Neapel erinnern sehr vorteilhaft
an gute Arbeiten des Fortuny.

An Landschaften ist manches
schöne Stück gekommen von Bezzi,
Luigi, Chialiva, von Grubicyde
Dragon, dem Freunde Segantinis,
n. y. cameron die allee ganz besonders schön ist aber die

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