Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 16.1900-1901

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-*-&Ö> KUNST-AUSSTELLUNG IN VENEDIG <^&^~

der Italiener die Schönheit dieser, im übrigen Bilder Brangv/yn's und die zarten Land-
doch verwahrlosten Winkel so malerisch und Schäften Peppercorn's wären, so würde Eng-
unbefangen wiederzugeben wusste. Iand eine sehr unglückliche Figur spielen,
England und Schottland sind in einem ge- obschon es in Orchardson's vielgenanntem
meinschaftlichen Raum untergebracht, wo- Bildnis von Sir David Stewart eines der
durch jenes ebensoviel gewinnt wie dieses stärksten Effektstücke der gesamten Porträt-
verliert. Der Saal versetzt uns in die ver- kunst besitzt.

schiedenartigsten Stimmungen. Es mutet uns Schottland dagegen hält sich auf der alten
heute mehr als fremdartig an, neben der in Höhe. Seine berühmten Landschafter, Hamil-
der Farbe decenten und zugleich reichen ton, Paterson und E. A. Walton sind nur
musikalischen Idylle Frank Brangwyn's den die Gipfelpunkte einer gleichmässig fein ent-
Traum des Lancelot von Burne-Jones zu wickelten nationalen Kunst, deren Einseitig-
sehen, der künstlerisch und menschlich so keit man in der so sehr geschickt angeordneten
blutlos ist und kaum in dekorativer Hin- Ausstellung nicht peinlich verspürt. Von
sieht seine Schuldigkeit thut. Aber noch höchstem Interesse aber sind die verschiede-
weitaus fremdartiger, für die kontinentale nen Porträts von Lavery, unter denen wieder
Kunst ganz abgelebt erscheinen die hart ge- das lebensgrosse Bildnis einer Reiterin durch
zeichneten und bunt kolorierten Allegorien Chic, Grazie und malerischen Reichtum be-
des jungen und vielgenannten Byam Shaw, sonders ausgezeichnet ist. Es ist ein Ver-
an denen nur der Titel wirkt. Und doch gnügen, dieses Stück mit dem Bildnis eines
bleiben die Besucher vor der Barke stehen, jungen Mannes von dem Amerikaner Sargent
auf der zwei Liebende ins ungewisse Meer zu vergleichen, das als das eleganteste Porträt
hinaustreiben, weil das Gemälde die Unter- der Ausstellung gelten dürfte, wenn nicht eben
schrift zeigt: Wohin? Wenn nicht die zwei Lavery wäre.

Unter den Russen fällt heuer
in Venedig wie im vorigen Jahr
in Paris der junge Maler Philipp
Maliavine durch seine rotgeklei-
deten, lachenden Bäuerinnen auf.
Die Keckheit Zorns und die Cha-
rakteristik Repins, gemischt mit
dem schalen Wasser akademischer
Weisheit, gaben dem Bild einen
Strich von Originalität; wenn der
Künstler nicht noch gar so jung
wäre, möchte man mehr Vertrauen
auf seine Leistung haben. Aber
mit zwanzig Jahren schon die
ganze Kunstwelt Europas ver-
blüffen, ist doch wohl zu früh.

Die plastische Abteilung hat
mit Rodin einen ausgezeichneten
Treffer gemacht; daneben ziehen
auch die Belgier Lagae, Laai-
beaux und Meunier an; in der
italienischen Abteilung siegt
Prinz Troubetzkoy über alle
anderen durch scharf charakte-
risierende Prägnanz. Seine
Reiterstatuette Tolstois ist ein
Meisterwerk, wie es auf Aus-
stellungen moderner Plastik uns
nicht häufig begegnet.

seymol'r lucas „phillis is m y only joy-

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